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70. Geburtstag von Terrence Malick:Die Netzhaut der Erinnerung

Terrence Malick scheut den Ruhm

Eines der wenigen Bilder von Terrence Malick stammt aus dem Jahr 1998.

(Foto: dpa)

Terrence Malick, der heute 70 wird, ist der große Ästhet des amerikanischen Films, der Regisseur mit dem träumerischsten Schönheitssinn. Sein Thema ist die Philosophie, seine Karriere ist eine der ungewöhnlichsten der Filmgeschichte.

Von Tobias Kniebe

Der Glanz der untergehenden Sonne, der die Haare der Frauen aufleuchten lässt, wie könnte er klingen? Das Wispern der hohen Gräser im Wind, wie kitzelt es auf der Haut? Und die Schatten der alten Eichenbäume, die den Vorgarten der Erinnerung überwölben, tausendfach durchlöchert vom Mittagslicht - wie schmecken sie wohl?

Im Kino des Terrence Malick muss man für solche Fragen offen sein. Er ist nicht nur der große Ästhet des amerikanischen Films, der Regisseur mit dem träumerischsten Schönheitssinn - er ist sein Synästhet. Ein ewig Suchender, der alle Verbindungen zwischen den Sinnen erforschen will - den bekannten, die das Kino ansprechen kann, und auch den geheimen, von denen die Physiologie der Wahrnehmung gar nichts wissen will. Dass daraus eine der ungewöhnlichsten Karrieren der Filmgeschichte wurde, mit gefeierten und verrätselten Werken wie "Days of Heaven", "The Thin Red Line" und "The Tree of Life", ist eigentlich kaum verwunderlich.

Nur am Anfang ging es fast gewöhnlich zu. Terrence Malick wurde am 30. November 1943 in Waco, Texas, geboren, im Land der Öltürme und endlosen Weizenfelder, vor jenem grenzenlosen amerikanischen Horizont, dem auch seine Figuren so oft vergeblich hinterherjagen. Studium in Harvard, Stipendium in Oxford: Sein Thema ist die Philosophie, die großen Fragen werden ihn auch in seinen Filmen nie mehr loslassen, er soll sogar Heidegger getroffen und vom Deutschen ins Französische übersetzt haben. Seine Abschlussarbeit, in der es um Kierkegaard und Wittgenstein ging, wurde allerdings nie vollendet. Fast konventionell sein Regiestudium am "American Film Institute" und die ersten Schritte als Drehbuchautor im Hollywood-System.

"Badlands", der erste eigene Langfilm, 1972 mit einem Kredit vom eigenen Bruder gedreht, war dann schon ein gewaltiger Schritt Richtung Unabhängigkeit: Martin Sheen und Sissy Spacek, zwei kriminelle Liebende auf der Flucht, zeichnen den Weg vor - aus der Zivilisation, die verständnislos bleibt, zurück in die Natur, die aber doch nicht Partei für sie ergreift.

Man hat Malick immer wieder einen Naturromantiker genannt, aber das stimmt nicht - eher dienen seine gewaltigen Landschaften dazu, die menschliche Erfahrung in die richtige Perspektive zu rücken: Liebe und Hass, Zuneigung und Eifersucht, Glück und Trauer, Sex und Tod - sie kommen und gehen bei ihm wie die Jahreszeiten.

Sein plötzliches Verschwinden ist Stoff für Legenden

Das Drama der Existenz, das sich ohnehin entfaltet, nicht zusätzlich zu psychologisieren und zu hysterisieren - das ist das Wichtigste, was seine Helden lernen können. Zum Beispiel in der ländlichen Dreiecks-Konstellation von "Days of Heaven", 1978, seinem nächsten Film. Der junge Richard Gere, der junge Sam Shepard und die junge Brooke Adams wetteifern darin mit der Schönheit des Abendlichts über Texas. Das Abendlicht gewinnt - aber nur nach einem langen, täglich wiederholten Kampf.

Schon nach diesen beiden Werken war Malicks Weg zum Großmeister vorgezeichnet - aber was tat er? Nahm eine Million Dollar Vorschuss, kündigte ein Werk über den Ursprung des Universums an, ging nach Paris - und verschwand erst einmal für zwanzig Jahre. Ein Filmemacher, dem alle Türen offenstehen, und der doch aus freien Stücken geht - das ist der Stoff für Legenden.

Tatsächlich kehrte er nie mehr in die Öffentlichkeit zurück, nur Filme gab es irgendwann wieder. "The Thin Red Line", James Jones' Kriegsroman, markierte 1998 seine Rückkehr - die Schlacht um Guadalcanal als weitere mystische Grenzerfahrung zwischen Mensch und Natur. Dann folgte "The New World" (2005), mit der Ankunft der ersten Siedler in Amerika, voll Neugier und Unschuld von Pocahontas beäugt, zu den Klängen von Wagners "Rheingold".

"The Tree of Life" (2011), mit Brad Pitt, und "To The Wonder" (2012), mit Ben Affleck, gehören dann schon zur hochproduktiven Gegenwart, die im Vergleich beinahe hektisch wirkt - aktuell sind mindestens drei weitere Malick-Filme in der Mache. Auch sie werden sicher wieder Erzählstimmen aus dem Off haben, die sich jedem Zwang zur Erklärung verweigern, und Frauenfiguren im Freien, die mit der Kamera tanzen.

Ein wahrer Filmemacher, das zeigt sich bei Malick einmal mehr, bleibt den Stimmen treu, die er hört, und den Szenen auf der Netzhaut seiner Erinnerung.

An seinem 70. Geburtstag gilt es nun, die späte Schaffensexplosion im Leben von Terrence Malick zu feiern. Denn welchem Filmemacher in seinem Alter würde man eher glauben, dass er noch etwas zu sagen, vor allem aber etwas nachzuholen hat?

© SZ vom 30.11.2013/kjan
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