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Restitution von Benin-Bronzen:Wie viel zurückgeht, bleibt offen

Benin-Bronzen im Ethnologischen Museum Berlin

Auch diese Glocke aus dem 18./19. Jahrhundert stammt aus Nigeria und gehört zu über 1000 historischen Objekten aus dem Königreich Benin in deutschen Sammlungen. (Foto: Martin Franken/dpa)

(Foto: dpa)

"Meilenstein" oder "Enttäuschung": Die Grütters-Konferenz konnte nur einen "Fahrplan" zur Restitution der Benin-Bestände aus 25 deutschen Museen erstellen.

Von Jörg Häntzschel

Für die einen war es ein "Meilenstein", andere sind "enttäuscht": Die am Donnerstag erklärte Bereitschaft, ab 2022 die ersten Benin-Bronzen aus deutschen Museen an Nigeria zurückzugeben, wurde verhalten aufgenommen.

Bei einer von Kulturstaatsministerin Monika Grütters einberufenen Konferenz hatten sich Museumsleute und Kulturpolitiker getroffen, die über die Benin-Bestände in 25 deutschen Museen zu entscheiden haben. Vom Auswärtigen Amt war Andreas Görgen dabei, der die Rückgaben mit der nigerianischen Seite vorbereitet und die deutsche Beteiligung an einem neuen Museum in Benin City sowie ein Austauschprogramm ausgehandelt hat.

Mehr als eine Absichtserklärung war nicht zu erwarten gewesen

Bis zum 15. Juni soll eine Aufstellung aller Benin-Werke in deutschen Sammlungen online gehen. Im Sommer werden in einem "Fahrplan" weitere konkrete Schritte festgehalten. Im kommenden Jahr gehen die ersten Bronzen zurück.

Bliebe es dabei, wäre dies die bislang umfangreichste Restitution von Raubgut aus europäischen Kolonien. Deutschland wäre tatsächlich, wie Grütters verkündete, "Vorreiter". Selbst Frankreich hat trotz großer Ankündigungen von Präsident Macron erst für 20 Objekte eine Restitution beschlossen.

Dass mancher bei "Fahrplan" an Verspätung denkt und bei "substanziellen Rückgaben" an homöopathische Dosen, ist verständlich. Schon seit den Siebzigern fordert Nigeria, wie auch andere afrikanische Länder, seine Raubkunst zurück - vergeblich. Ausgerechnet Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wurde zu einem der Leiter des Verfahrens ernannt. Noch 2017 hatte er die Restitutionsdebatte als "Sommerlochtheater" verhöhnt.

Die Rückgabe ist zum "Prüfstein" für die Glaubwürdigkeit des Humboldt-Forums geworden

Tatsächlich enthält die Erklärung viele Schwachpunkte. Wie viel zurückgeht, bleibt offen. Es fehlt auch die Selbstverpflichtung, das Eigentum an sämtlichen gestohlenen Bronzen an Nigeria zu übertragen. Die Restitution der Bronzen droht als Akt des guten Willens dargestellt zu werden statt als notwendige Korrektur eines Unrechts, wie es sich für die Rückgabe eines gestohlenen Gegenstands gehört.

Mehr als diese Absichtserklärung war von der Konferenz allerdings auch nicht zu erwarten gewesen. Es ging, unabhängig von der allgemeinen Debatte um Restitutionen, darum, einen Beschluss zur Rückgabe der Bronzen aus der Sammlung Preußischer Kulturbesitz vorzubereiten. Sie sei zum "Prüfstein" (Grütters) für die Glaubwürdigkeit des Humboldt-Forums geworden, das demnächst eröffnet werden soll. Dafür braucht Grütters die Zustimmung der im Stiftungsrat vertretenen Bundesländer, von denen viele ihrerseits Träger großer ethnologischer Museen sind. Sie könnten bei der nächsten Stiftungsratssitzung am 29. Juni kaum der Rückgabe der Berliner Bronzen zustimmen, ohne denselben Schritt dann auch für ihre Häuser zu gehen.

Die bindenden Rückgabebeschlüsse müssen nun folgen, in Berlin, Hamburg, Sachsen, Bayern. Oft sind juristische Hindernisse aus dem Weg zu räumen, da Gegenstände aus öffentlichem Vermögen nicht einfach abgegeben werden können. Der Bund hat die Regelung, nach der dies bei NS-Raubkunst möglich ist, auf Objekte aus kolonialen Unrechtskontexten erweitert. Anderswo, etwa in Baden-Württemberg, muss das Kabinett entscheiden.

Klar ist: Sobald die ersten Bronzen zurückgehen, wird kaum zu erklären sein, warum andere bleiben. Mit der Entscheidung vom Donnerstag ist endlich eine Tür geöffnet, die sich nun nicht mehr schließen lässt.

© SZ/beg
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