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Ausstellung zur Aufklärung in Peking:Hässliches und Unzutreffendes

Ai Weiwei hatte die Wahl des Ortes für die Veranstaltung der Ausstellung, den Platz des Himmlischen Friedens, als "bittere Ironie" bezeichnet, damit bezog er sich natürlich auf die Ereignisse von 1989, als hier "die chinesische Lösung" praktiziert wurde, als das Militär auf die eigene, aufbegehrende Bevölkerung feuerte. Kein Zweifel, der Platz ist historisch aufgeladen wie kein anderes Bauwerk in der Volksrepublik, nicht nur von den Toten, auch von den jubelnden Massen, die an jenem Mann vorbeizogen, der jetzt in dem Mausoleum gegenüber dem Museum liegt. Es ist in Peking kein großes Geheimnis, dass die Partei liebend gerne diese architektonische und politische Peinlichkeit entfernen würde, wer wird schon gern an den Vorsitzenden Mao erinnert, dem neben vielem anderen auch eine Hungersnot von biblischem Ausmaß anzulasten ist.

Peking verweigert Tilman Spengler die Einreise

Plädiert dafür, die Ausstellung "Kunst der Auflärung" weiter offen zu lassen: Tilman Spengler

(Foto: dpa)

Es war dies übrigens die wirtschaftliche und politische Katastrophe, in deren Gefolge, so schließt sich ein Kreis, der Vater von Ai Weiwei verbannt wurde. Kein Wunder, dass dieser Platz Begehrlichkeiten auslöst, kein Wunder auch, dass vor fünf, sechs Jahren, als die Planung des neuen Museums festere Formen annahm, bewusst an eine "zivile" Rückeroberung dieses Areals gedacht wurde. Es gab eben in der Volksrepublik bisweilen auch Perioden, in denen die Führung dem Gedanken der Aufklärung näherzukommen schien. Wie weiland, um hier ein weiteres Spiel der Ironie ins Feld zu führen, der Vater von Ai Weiwei, der als Auslandsstudent in Paris eine Arbeit über den deutschen Philosophen Immanuel Kant verfasste.

Jetzt stehen wir vor dem durchaus nicht selbstverschuldeten Problem, für beträchtliches Geld eine Ausstellung von knapp 600 Exponaten in Peking organisiert zu haben, während gleichzeitig chinesische Träger des Gedankens der Aufklärung hinter unserem, oder sagen wir, hinter dem Rücken des deutschen Außenministers verhaftet werden. Da meldeten sich schnell die Stimmen, die riefen: "Schluss mit dieser Alibi-Veranstaltung!"

Hässliches und auch Unzutreffendes musste man über den nun wahrhaft tapferen deutschen Botschafter lesen. Der das anspruchsvolle intellektuelle Begleitprogramm maßgeblich tragenden Mercator-Stiftung wurde der Rückzug von dem gesamten Projekt nahegelegt. Mit Verlaub gesagt: Das ist eine genauso törichte Einstellung wie jene, die uns weismachen will, die ökonomischen Erfolge der Volksrepublik könnten gegen deren Menschenrechtsverletzungen gutgerechnet werden. Oder die uns vorexerzieren, um wie viel hundert Millionen Einwohner unser Planet durch die (meist) strenge Ein-Kind-Politik der Kommunistischen Partei Chinas entlastet worden sei.

Beginnen wir mit dem letzteren, dem gleichsam globalen Argument: Selbstverständlich ist einer Regierung Respekt zu zollen, die einen Teil ihrer Bevölkerung aus bitterer Armut, Unfähigkeit zum Lesen, Emanzipation von männlichem Primatenverhalten zumindest den ersten Schritt herausgeführt hat. Doch hat das etwas mit dem von der Aufklärung geforderten Recht auf eine freie Meinungsbildung zu tun? Danke für das klare Nein und damit zur nächsten Gruppe, nämlich jenen, welche die Ausstellung als "Alibi-Veranstaltung" betrachten und aus Protest abbrechen wollen.

Wir haben es hier mit einer Ausstellung zu tun, die das betreibt, was Adorno, Horkheimer, Marcuse, wohl auch Walter Benjamin einmal als "Flaschenpost" bezeichneten. Es werden Botschaften nach Peking gesandt, die enträtselt werden müssen wie das Paar Schuhe des Aufklärers Kant. Wir dürfen unseren Kollegen vor Ort zutrauen, dass sie diese Aufgabe wahrnehmen. Abbrechen ist so doof wie verbieten - sehr weit weg von Aufklärung.

© SZ vom 14.04.2011/jab
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