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Ausstellung von Marilyn Manson:Aquarelle vom Antichristen

Pervers zugerichtete Leichen, deformierte Embryos, Opfer von Massenmördern: Schockrocker Marilyn Manson malt finstere Porträts - jetzt hat er seine erste große Schau in der Kunsthalle Wien.

Höllenfürst, millionenschwerer Antichrist, böser Onkel des Schockrock: Marilyn Manson, 41, hat viele Namen. Dabei ist der Mann ganz anders als sein Ruf. Wer ihn trifft, begegnet einem geduldigen Zuhörer und charmanten Gesprächspartner, der gern Witze macht. Das Haar auf der einen Seite rasiert, auf der anderen Seite lang, dazu kränklich weißgeschminkte Haut: Das war einmal der erfolglose Musikjournalist Brian Warner, bevor er zum meistverkauften Gothik-Rocker der Welt wurde. Beim Gespräch in einem Wiener Hotel zieht er sich gleichwohl hinter schwarze Gardinen in eine fast völlige Dunkelheit zurück. Vampire, sagt er, dürfen sich nicht dem grellen Tageslicht aussetzen.

U.S. singer Manson poses in front of one of his paintings in Vienna

Wenn Marilyn Manson nicht gerade Skandalrocker ist, malt er. Seine Arbeiten kosten rund 30 000 Euro das Stück und sind noch bis 25. Juli in der Wiener Kunsthalle zu sehen. Das Bild heißt "Schneewittchen".

(Foto: Reuters)

SZ: Mr Manson, jetzt sind Sie unter die Maler gegangen - wie Udo Lindenberg, Paul McCartney und viele andere singende Dilettanten des Pinsels. Eine Art Promotion für Ihre neue CD?

Marilyn Manson: Im Gegenteil. Ich habe gerade die Plattenfirma gewechselt und verfüge endlich über die Möglichkeiten, von denen ich immer geträumt habe: ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das alles Bisherige in den Schatten stellt. Malerei und Musik hängen für mich eng zusammen. Das Licht, die Beleuchtung - dafür habe ich bei meinen Filmen und Konzerten immer selbst gesorgt, Optik ist mir extrem wichtig. Selbst wenn morgen die Plattenindustrie zugrunde geht, kann ich immer noch malen.

SZ: Sie malen angeblich schon länger als Sie Musik machen. Warum kommen Sie damit erst in letzter Zeit heraus?

Marilyn Manson: Früher war ich diskret, ich wollte, dass meine Malerei nicht mit dem Glanz und dem Bonus eines Popstars assoziiert wird. Die Leute sollten die Bilder um ihrer selbst willen lieben. Das hat sich jetzt geändert. Wenn Sie demnächst etwas von Marilyn Manson kaufen, müssen Sie vielleicht nicht mehr in einen Plattenladen gehen, sondern ins Museum.

SZ: Sie haben mal gesagt: Ich will den Menschen Hoffnung bringen. Richtig optimistisch sehen Ihre Bilder aber nicht aus.

Marilyn Manson: Wie soll man ohne Hoffnung Künstler sein? Kunst zu machen ist die größtmögliche Annäherung des Menschen an Spiritualität. Und es macht mich wütend, dass Politik und Religion immer wieder versuchen, die Kunst zu zerstören. Malerei ist die Basis der Kultur. Hätten die Höhlenmenschen nicht ihre Decken bemalt - wir säßen heute nicht hier.

SZ: Ihre Bilder sind ein Pandämonium des Grauens. In Wien sieht man Porträts von pervers zugerichteten Leichen, deformierte Embryos, die sich die Pistole an den Kopf halten, Opfer von Massenmördern und Rätsel der amerikanischen Kriminalgeschichte, wie das verstümmelte Starlet Elizabeth Short. Muss es denn immer eimerweise Blut sein, um das Image des Schock-Rockers aufrechtzuerhalten?

Marilyn Manson: Ich bediene mich gern in Polizeiakten. Elizabeth Short, die Frau auf meinem Bild "Schneewittchen", ist ein Abbild des amerikanischen Traums - und des amerikanischen Albtraums. Sie gewann Preise, wollte berühmt werden und landete aufgeschlitzt in einem Park, mit zu einem Lächeln vernähten Lippen. Genauso war Marilyn Monroe die Lichtfigur der Amerikaner, aber sie wurde drogenabhängig und beging Selbstmord. Oder Charles Manson, der verurteilte Mörder von Sharon Tate, obwohl er eigentlich nie jemanden umgebracht hat ... Überall in diesen Figuren gibt es das Helle und das Dunkle. In Amerika will man das nicht wahrhaben. In unserer Kultur gibt es den Good Guy und den Bad Guy und dazwischen nichts. Ich heiße ja auch nicht umsonst Marilyn Manson, weil ich Wert auf diese Polaritäten lege, die es in jedem Menschen gibt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Marilyn Manson Aquarelle liebt.

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