Ausstellung "Ego Update" Warum machen die Menschen so etwas?

Man fotografiert pralle Hintern, quellende Brüste, Waschbrettbäuche, Füße, Modelposen - es sind Versuche, idealtypische Katalogansichten von sich herzustellen: Dokumente der perfekten Sexyness, des bedeutenden Muskelspiels und der heroischen Unverwüstlichkeit.

Das erste auch so genannte Selfie zeigte die blutige Lippe eines 2003 gestürzten Australiers. "Sorry about the focus, it was a selfie", notierte er. Entschuldigt die Unschärfe, es ist ein Selfie. Der globale Ego-Reigen beantwortet jedoch nicht die unvermindert brennende Frage: Warum machen die Menschen so etwas? Die banalste Antwort darauf ist vermutlich erst einmal die beste: Weil alle jetzt immer einen Fotoapparat dabei haben, der Autofokus kann.

Zur Düsseldorfer Ausstellung, es ist die erste, die Alain Bieber, der neue Leiter des NRW-Forums, kuratiert hat, ist ein wunderbar zurückgelehnter Katalog erschienen, für den Douglas Coupland einen vorzüglichen Essay verfasst hat, in dem er die Selfies zu einer "Illusion von Selbstkontrolle" erklärt, mit denen "Menschen in die unausgesprochene Idee des Ewig-frisch-und-sexy-Seins zu investieren glauben".

Coupland glaubt, Selfies werden nie mehr verschwinden, im Gegenteil: die Zukunft des Selfie liege im 3-D-Ganzkörper-Druck: "Dieses neue Selfie wird uns noch effektiver ermöglichen, zu posieren und das Modell, dem wir eigentlich zu entsprechen meinen, hervorzubringen - im Gegensatz zu dem, was wir eigentlich sind. Was ist schlimm daran?" Denn, so der Kunstkritiker Jerry Saltz: "Selfies haben schließlich Aspekte der sozialen Interaktion, der Körpersprache, des Selbstbewusstseins, der Privatsphäre und des Humors verändert und Zeitlichkeit, Ironie und unser öffentliches Verhalten umgestaltet."

Die Ausstellung dokumentiert die schier überwältigende Flut an Selfies, die man hier thematisch gegliedert tapetenweise an die Wand gebracht hat: Stinkefinger, Fußfotos, Webcam-Posen. Gleich zum Auftakt sieht man die lakonischen Porträts, die der Magnum-Fotograf Martin Parr überall auf der Welt von ortsansässigen Fotografen von sich fertigen lässt: kitschig, lustig, schräg. Herrlich.

Auch Affen-Selfies fehlen nicht

Unmittelbar an den neuen Ästhetiken und Fotostandards von Plattformen wie Instagram, Pinterest, auch Facebook geschult, folgen dann die Arbeiten der schwedischen Künstlerin Arvida Byström und der Argentinierin Amalia Ulman. Radikaler noch als Byström veröffentlicht sich Ulman als scheinbar perfektes Medien-Imago, das fiktive Shopping-Touren wie schönheitschirurgische Eingriffe mit ihren vielen Followern "teilt". Ihr Weg zum Brustimplantat erhielt dabei so viele Likes wie der Gucci-Bummel.

Der Amerikaner Evan Baden zeigt Teile seiner Serie "Technically Intimate", die nachstellt, was viele Heranwachsende als "Sexting"-Bilder im Netz posten: Gemeint sind intime Selfies in verführerischen Posen mit entsprechenden Texten. Der Niederländer Erik Kessels bringt Tausende Fußfotos farblich sortiert in Reih und Glied, der Italiener Guido Segni hat Vertreter des sogenannten digitalen Proletariats ausfindig gemacht, das im Netz Kleinstarbeiten erledigt: ein klickendes Prekariat, das hier kollektiv den Mittelfinger in die Ausstellung hält.

Natürlich fehlen auch die Affen-Selfies nicht: Ein Affenweibchen hatte den Apparat des britischen Tierfotografen David Slater entwendet und sich selber fotografiert. Um diese Fotos entbrannte der Urheberstreit darüber, wem Tantiemen dafür zustehen: etwa dem Affen?

Mit den Positionen, die die Düsseldorfer Ausstellung dokumentiert, sind mehr Fragen zum digitalen Ich gestellt als beantwortet. Das ist gut so. Denn während die Welt anscheinend in Exhibitionisten und Voyeure zerfällt, in der unersättliche Blicke auf milliardenfache Ich-Belege treffen, wird doch diese eine Instanz immer fragwürdiger: Kann ein derart überinszeniertes Ich noch "ich" zu sich sagen?

Ego Update. NRW-Forum, Düsseldorf. Bis 17. Januar 2016. nrw-forum.de. Katalog 29,95 Euro.