Aufregung um Theaterstück Gruppenidentität statt Selbstreflexion

Die Schaubühne berichtet ihrerseits von Zuschriften und Anrufen, "die die Produktion 'Fear' angreifen: zum Teil in Form von Gewalt- und Morddrohungen". Auch seien vor dem Eingang des Theaters Graffiti geschmiert worden, und es habe Störungen von Vorstellungen gegeben. Man werde alle strafrechtlich relevanten Sachverhalte zur Anzeige bringen.

Falk Richters Bühnen-Hipster haben mit ihren Gegnern, den Pegida-Propagandisten und christlichen Fundamentalisten, letztlich mehr gemein, als ihnen recht sein kann. Genau wie sie sehen sie sich umzingelt von gefährlichen Feinden, die sie zur Versicherung der eigenen Gruppenidentität brauchen: Die Welt jenseits der eigenen Ingroup ist verkommen, bedrohlich, unübersichtlich.

Logik des "Alle-böse-außer-uns"

Kein Wunder, dass in dieser Perspektive und der Logik des "Alle-böse-außer-uns" die Unterschiede zwischen meinungsfreudigen Journalisten, Modernisierungsverlierer-Spießern und rechtsradikalen Terroristen verschwimmen.

Richters so aufgeregte wie analytisch unbedarfte Inszenierung funktioniert als reines Selbstbestätigungsangebot, also etwa als das Gegenteil von politischem Theater.

Der Erkenntnisgewinn von "Fear" beschränkt sich, ähnlich wie bei Pegida-Demonstrationen, auf die beruhigende Mitteilung, inmitten einer komplizierten Welt zumindest hier im Zuschauerraum eindeutig auf der moralisch und politisch richtigen Seite zu sitzen: Wir sind die Guten.

In der Dämonisierung des politischen Gegners funktioniert Falk Richters Inszenierung in der gleichen Logik wie die rechten Foren und Blogs, deren Teilnehmer einander zu immer schrilleren Ausfällen gegen Demokratie, Presse, Kanzlerin und sonstige Andersdenkende anstacheln: Diskursunfähigkeit als Programm. Paranoia und Hysterie prägen die Wahrnehmung und versorgen die Akteure mit dem wohligen Gefühl der eigenen Bedeutung.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, in "Fear" werde Bezug auf den Journalisten Harald Martenstein genommen. Dem ist nicht so. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.