bedeckt München 20°

Appell von Roberto Saviano:"Italien braucht eure freien Stimmen"

Ich bitte euch aufzustehen für die Rechte aller. Auch wenn es euch scheint, als gehörtet ihr nicht zu diesen "allen", seid ihr doch Teil von ihnen. Man wird einwerfen, dass die Meinungsfreiheit doch letztlich eine Angelegenheit für reiche Privilegierte ist. In Wahrheit ist sie, wie ihr wisst, ein Kampf für Rechte, und der Kampf für Rechte ist immer ein Kampf für diejenigen, die sie sich nicht leisten können.

Jetzt werdet ihr mir sagen: Wir schlagen unsere Schlachten doch mit unseren Büchern, unseren Liedern, unseren Shows. Aber es gibt Momente, in denen es nicht mehr genügt, den Widerstand an die eigene Kunst zu delegieren. Sprecht mit euren Lesern, euren Zuhörern, mit all denen, deren Seele ihr mit eurer Arbeit berührt habt. Am Anfang wird es Verwirrung geben, ihr werdet dafür kritisiert werden, parteiisch zu sein. Aber die heilsamen Wirkungen, die eure Worte haben werden, werden euch für die Bosheiten, die ihr heute von den Hetzern hört, entschädigen.

Weil ihr den Trick schon kennt, mit dem sie euch delegitimieren werden, seid ihr im Vorteil. Sie werden sagen: Du verdienst Geld? Dann kannst du nicht den Mund aufmachen. Die bist der Sohn reicher Eltern? Dann darfst du dich nicht zu sozialen Problemen äußern. Aber lassen wir uns wirklich von diesen Sprüchen einschüchtern? Sollen wir uns für die Früchte unserer Arbeit schämen? Sollen wir wirklich akzeptieren, dass nur der authentisch ist, der den Kopf gesenkt trägt?

Zeitgeist "Die Linken haben sich eingeredet, der Faschismus sei tot"
Rechtsruck in Italien

"Die Linken haben sich eingeredet, der Faschismus sei tot"

Italiens Innenminister Salvini pocht auf Abschottung und öffnet seine Partei immer weiter nach rechts. "Repubblica"-Journalist und Buchautor Paolo Berizzi über den Rechtsruck in Italien und Europa.   Interview von Carolin Gasteiger

Kommt raus, Italien braucht heute eure freien Stimmen. Fürchtet euch nicht vor denen, die mehr als alles andere den Konflikt fürchten, weil sie nicht die Instrumente dafür haben, mit ihm anders umzugehen als auf autoritäre Weise. Und es ist eine autoritäre Geste, wenn ein Minister einen Schriftsteller auf dem Briefkopf des Ministeriums anzeigt. Auf der einen Seite steht jemand, der Kritik äußert, auf der anderen die gesamte Regierung, die bis heute keinerlei Einwände dagegen geäußert hat, so instrumentalisiert zu werden.

"Fühlt ihr nicht, wie der Boden unter euren Füßen wankt?"

Schriftsteller! Angriffe auf das Buch, das Denken, das Wissen sind alltäglich geworden. Verleger! Fühlt ihr nicht, wie der Boden unter euren Füßen wankt? Beteiligt euch! Vorsicht führt hier nicht zur Rettung. Das Wissen ist ein sehr wertvolles Werkzeug zur Emanzipation vom persönlichen Elend, lasst es uns mit all unserer Energie verteidigen. Die Zeit, sich bedeckt zu halten, ist vorbei. Wenn ihr euch nicht beteiligt, bedeutet das, dass ihr einverstanden seid mit dem, was passiert: Es gibt nur Komplizen oder Rebellen.

"Die Geschichte der Menschen", schrieb Wassili Grossman in seinem Buch "Leben und Schicksal", "besteht nicht im Kampf des Guten, der das Böse besiegen will. Die Geschichte des Menschen besteht im Kampf des großen Bösen, der den kleinen Samen der Menschlichkeit zu zermalmen versucht. Aber wenn sich in Momenten wie diesem der Mensch auf seine Menschlichkeit besinnt, ist das Böse dazu bestimmt zu unterliegen."

Ihr seid der kleine Samen der Menschlichkeit, ohne euch ist Italien verloren. Auf welcher Seite steht ihr also?

Aus dem Italienischen von Jörg Häntzschel und Alex Rühle.

Lesen Sie die Seite Drei über Matteo Salvini mit SZ Plus:
Politik Italien Der Ego-Shooter

Italiens Matteo Salvini

Der Ego-Shooter

Er hat keine Visionen, keine Skrupel - und offenbar auch keine Gegner mehr. Wie der rechtsradikale Innenminister Matteo Salvini die italienische Politik dominiert.   Von Oliver Meiler