bedeckt München 11°

Anschläge in Brüssel:"Die belgische Generation - das sind alles Klein- bis Schwerstkriminelle"

Das klingt nach Mafia, nach Gesetz des Schweigens.

Ja, durchaus. Die Attentäter konnten mit verschiedenen Solidaritäten spielen, ich glaube, die islamische spielt da keine Rolle. Eher schon Familien- und Gang-Solidarität. Die Brüder Abdeslam haben vor Paris eine Hasch-Bar betrieben. Die belgische Generation - das sind alles Klein- bis Schwerstkriminelle. Die haben zwischendurch einen Joint geraucht und sich mit Mädchen getroffen.

Das lässt sich selbst für einen Laien nur schwer mit einer strengen Auslegung des Islam vereinbaren.

Es gibt im Islam ein Konzept namens "taqiyya": Es besagt, dass ein Muslim seinen Glauben leugnen darf, wenn er bedroht ist. Das spielte beispielsweise zur Zeit der Kreuzzüge und während der Spanischen Inquisition eine Rolle. Die Dschihadisten sagen nun: Du darfst im Dschihad, weil das die sechste Säule des Islam ist, lügen, betrügen, saufen und huren. Das kommt jungen Männer mit einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur natürlich zupass. Jungen Männern, die ein unheimliches Frustrations- und Gewaltpotenzial haben. Der ganze Mist, den sie bauen, steht plötzlich unter der riesigen Lüge des Dschihadismus. Das gilt im Übrigen auch für die Terroristen in Syrien, die ihren Opfern den Kopf abschlagen.

Wäre es dann nicht ein Leichtes für die muslimischen Geistlichen vor Ort, die vermeintlichen Dschihadisten als Betrüger zu entlarven?

Nein, die erreichen die jungen Leute ja gar nicht. Die Imame sind zu schwach und zu altmodisch, sie werden im besten Fall als langweilig betrachtet, im schlechtesten als korrupt. Gerade in Frankreich sind das häufig lokale Interessenvertreter, die zum Beispiel vom marokkanischen Könighaus bezahlt werden und nicht mal richtig Französisch sprechen. Das ist auch für Konvertiten hierzulande ein Problem: Weil viele Verbände türkisch sind oder arabisch, bekommen sie dort keinen Zugang, weil sie die Sprache erst gar nicht verstehen. Da wirkt es natürlich verführerisch, wenn jemand kommt, der den eigenen Slang spricht und dazu noch eine einfache Interpretation des Islam anbietet.

-

Die Menschen in Brüssel antworten auf die sinnlose Gewalt mit Aufrufen zum Frieden.

(Foto: AFP)

Wie kann man da überhaupt dagegen halten?

Das geht nur langfristig. Wir müssen mehr europäische, junge, muslimische Rechtsgelehrte ausbilden, die diese Generation erreichen. Oft steht die Entwicklung auf Messers Schneide. Ich schreibe gerade über einen französischen Dschihadisten: Der radikalisierte 2005 ein ganzes Netzwerk, schickte junge Männer in den Irak, um dort gegen die Amerikaner zu kämpfen. Auch spätere Charlie-Hebdo-Attentäter gehörten zu seinen Anhängern. Im Knast ließ sich dieser Dschihadist zum Krankenpfleger ausbilden, sagt heute, dass er diese Form der Gewalt ablehnt - und trägt einen Anstecker mit "Je suis Charlie".

Das Buch "Wie der Dschihadismus über uns kam. Ein Augenzeugenbericht" von Asiem El Difraoui erscheint im Oktober 2016 bei Suhrkamp.

© SZ.de/doer/holz
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema