Zum Tode von Anne Beaumanoir:Was für ein Leben

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Zum Tode von Anne Beaumanoir: Als Heldin sah sich nie: die französische Neurophysiologin Anne Beaumanoir.

Als Heldin sah sich nie: die französische Neurophysiologin Anne Beaumanoir.

(Foto: Hermance Triay/opale.photo/laif)

Anne Beaumanoir opferte dem Kampf gegen die Unterdrückung fast alles. Jetzt ist sie im Alter von 98 Jahren gestorben.

Gastbeitrag von Anne Weber

In der Medizin, sagte sie einmal, heiße das, was sie habe, "Syndrom des gelungenen Alterns". Ob es ein solches "Syndrom" nun wirklich gibt oder ob sie es erfunden hat: Sie selbst war jedenfalls der lebende Beweis dafür, dass ein, wenn nicht beschwerdeloses, so doch klagloses, tatkräftiges Altern möglich ist: Bis vor zwei Monaten ging es ihr, die nächstes Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, so gut wie es jemandem in diesem hohen Alter nur gehen kann.

Aus der Drôme provençale, wo sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte, war sie schließlich zurück in die Bretagne gezogen, in der sie am 30. Oktober 1923 in Créhen, einem Dorf an der Côte d'Armor, zur Welt gekommen war, uneheliches Kind eines Sohnes aus sogenanntem guten Hause und einer Näherin, zweier Menschen, die sich über alle Standesgrenzen hinweg liebten und später heiraten sollten. Ihre Eltern waren Antifaschisten und Anhänger des Front populaire, ihr Vater wirkte früh in der Résistance mit und auch Anne, genannt Annette, die einzige Tochter, ging schon als junges Mädchen in den Widerstand und wurde Teil des kommunistischen Untergrunds.

Zur Person

Anne Weber ist Schriftstellerin. Für ihren Roman "Annette, ein Heldinnenepos", der in freien Versen das Leben von Anne Beaumanoir erzählt, wurde sie 2020 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Anfang 1944, mit zwanzig Jahren, rettete sie im besetzten Paris zwei ihr unbekannten jüdischen Jugendlichen das Leben, indem sie sie aus ihrem Versteck holte und bei ihren Eltern in der Bretagne unterbrachte. Die Befreiung Frankreichs erlebte sie in Marseille, wo sie später Medizin studierte und ihren zukünftigen Mann, Jo Roger, einen Arzt und ehemaligen Widerstandskämpfer, kennenlernte. Sie wurde Neurophysiologin und eine anerkannte Forscherin im Bereich der Epileptologie.

In Algerien folterte die französische Armee mit Gestapo-Methoden

Nun hätte sie zweifellos ein geruhsames bürgerliches Leben führen und sich ihrem Beruf und ihren zwei kleinen Söhnen widmen können, doch dann begann 1954 der algerische Unabhängigkeitskrieg. Die deutsche Besatzung hatte Anne Beaumanoir als eine unerträgliche Kolonisierung erlebt; nun war sie als Französin selbst auf der Seite der Kolonisatoren, die jede Forderung nach Unabhängigkeit und Gerechtigkeit brutal niederschlugen: Die überwältigende Mehrheit der Algerier besaß in ihrem eigenen Land, das 1830 von Frankreich erobert worden war, keine vollen Bürgerrechte, und während des Kriegs folterte die französische Armee ihre algerischen Gefangenen mit Gestapo-Methoden.

Letztere Tatsache war es vor allem, die Anne Beaumanoir dazu bewog, sich der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération nationale (FLN) anzuschließen, sie wurde zunächst "Kofferträgerin", d. h. sie transportierte Gelder, mit denen der bewaffnete Kampf finanziert wurde, und arbeitete dann als Kurierin. 1959 wurde sie in Südfrankreich festgenommen und von einem französischen Militärgericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Es gelang ihr zu fliehen, doch musste sie ihre zwei kleinen Söhne, eine neugeborene Tochter und deren Vater zurücklassen.

In Tunis arbeitete sie zunächst weiter für den FLN und kümmerte sich um die medizinische Versorgung der algerischen Grenzsoldaten. Ab 1962 war sie im Gesundheitsministerium der ersten unabhängigen algerischen Regierung tätig, doch musste sie schon drei Jahre später, nach dem Staatsstreich des Generals Boumediene, wieder fliehen. Wegen der drohenden Haftstrafe war ihr der Rückweg nach Frankreich versperrt, also zog sie in die Westschweiz, wo sie Frankreich und damit ihrer Familie am nächsten war.

1996 wurde sie zur "Gerechten unter den Völkern" erklärt

Bis zum Ende ihrer beruflichen Laufbahn leitete sie an der Genfer Universitätsklinik die Abteilung für Epileptologie. Von Genf aus reiste sie hin und wieder mit falschen Papieren, eine Verhaftung riskierend, nach Frankreich ein, um, wenn auch nur kurz, ihre Kinder sehen zu können. Die erzwungene Trennung war für die drei Kinder und für sie selbst ein immerwährender Schmerz, über den sie nicht sprach.

Nach ihrer Pensionierung, und nachdem es spät doch noch eine Amnestie gegeben hatte, ließ sie sich in Südfrankreich nieder und ging jahrelang regelmäßig in Lehreinrichtungen, wo sie Generationen von Schülern von der Résistance erzählte und erklärte, warum Ungehorsam manchmal das einzig Richtige sein kann.

1996 wurde sie zusammen mit ihren verstorbenen Eltern Jean und Marthe zur "Gerechten unter den Völkern" erklärt, das Einzige, worauf sie stolz sei, sagte sie einmal, und zeigte die von Yad Vashem ausgestellte Urkunde her, die bei ihr an der Wand hing. Als Heldin fühlte sie sich deshalb nicht. Anderen Menschen in der Not beizustehen, schien ihr eine Selbstverständlichkeit.

An der Trauerzeremonie nahmen auch Menschen teil, die es ohne sie nicht gäbe

Sie war klein, schmal und noch im hohen Alter lebhaft, sie diskutierte gerne, ohne je bürgerliche Sprechweisen angenommen zu haben, gestikulierte viel und lachte oft. Wer sie kannte und sogar, wer ihr nur flüchtig begegnet war, brauchte sich nicht um eine Unterkunft zu sorgen: Bei ihr waren alle willkommen, von ihr wurden alle gerne verköstigt.

Am 4. März 2022 ist Anne Beaumanoir in Quimper gestorben. Von offizieller Seite hat es keinerlei Ehrung gegeben. Zu der schlichten Trauerzeremonie sind auch Nachkommen der von ihr geretteten jüdischen Jugendlichen angereist: Menschen, die es ohne sie nicht gäbe.

Ihr Leben lang hat Anne Beaumanoir gegen Fremdherrschaft, gegen imperialistischen Eroberungsdrang aufbegehrt. Von dem Krieg, durch den sich derzeit Russland die Ukraine unterwerfen will, hat sie nichts mehr erfahren.

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