"Am Strand" im Kino Panik in der Hochzeitssuite

Wochenend' und Sonnenschein und dann mit dir im Wald allein ... So einfach ist es für das junge Ehepaar in Ian McEwans "Am Strand" (Billy Howle und Saoirse Ronan) leider nicht.

(Foto: Prokino)

Dominic Cooke verfilmt Ian McEwans "Am Strand" - und lässt hinter dem Unglück eines jungen britischen Paars in den Sechzigerjahren den Traum von einer besseren Sexualität aufscheinen.

Von Philipp Bovermann

Hach ja, die frühen Sechzigerjahre. Was waren das doch für Zeiten. "Konservative Revolutionäre" würden gern in sie zurückkehren. Es gab schon Fernsehen, aber Kommunisten nur in Russland. Die Atombombe sorgte dafür, dass das auch so blieb. Die Leute trugen gestärkte Kragen und gebügelte Unterhosen. Eine Zeit klarer Verhältnisse. Eine Zeit ohne "Genderwahn". Die Verfilmung des Romans "Am Strand" von Ian McEwan erinnert daran, wie das so gewesen sein mag, damals, kurz vor der sexuellen Revolution.

Das Wort "Teenager" war gerade erst erfunden, aber im Grunde kam der Mensch immer noch als Erwachsener auf die Welt, der sich zu schämen hatte, dass ihm der Anzug noch nicht passte. War man endlich reingewachsen, wurde geheiratet, womit das Leben eigentlich auch schon fast wieder vorbei war. An diesem doppelten Scheideweg zwischen dem ungelebten und dem verpassten Leben, historisch zwischen der alten und der neuen Zeit, befinden sich nun zwei junge Briten, Anfang zwanzig und tadellos gekleidet. Sie sind seit wenigen Stunden Mann und Frau.

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Wie uniformierte Anstandsdamen stehen zwei Hotelkellner Spalier, während die beiden in der "Honeymoon Suite" mit kompliziertem, langem Tafelsilber an ihrem Roastbeef herumsäbeln. Mächtig unangenehm, aber sie lieben sich. Er hatte eine Eins in seinem Studium gehabt und niemandem, dem er es erzählen konnte. Also trank er irgendwo ein Pint, geisterte in der Stadt herum, spazierte ziellos in ein Treffen für nukleare Abrüstung und erblickte dort ein Mädchen in einem cremefarbenen Kleid. Er sah sie aus dem Türrahmen an, als hätte er sie eben herbeigeträumt, nur für sich. Sie verliebte sich in diesen verträumten Blick, in seine achtlos hochgekrempelten Hemdsärmel, in seine Socken, die nie zueinander passten. Er war gebannt von ihrem schwanenhaften Rücken, von der Konzentration, mit der sie Geige übte, auch wenn für sie, Tochter aus besserem Hause, Chuck Berry nur fröhlicher Lärm war. Also ab zum Altar.

Gruselige Worte wie "Penetration"

Nun aber, in der "Honeymoon Suite", fällt ihnen nichts mehr ein, als über das allmählich lauwarme Festmenü hinweg unentwegt "I love you" zu sagen. Es könnte alles so einfach sein, draußen am Strand. Dessen wollüstiges Rauschen dringt durch das offene Fenster herein. Die Steine dort seien durch die Stürme im Verlauf der Jahrtausende der Größe nach sortiert worden, platzt er nun heraus, um etwas zu sagen. In Richtung Osten werden sie immer größer. Aha, lächelt sie scheu. Wollen wir nicht hinausgehen? Die beiden sind schließlich erwachsen. Niemand könnte sie davon abhalten, die Schuhe in eine Ecke des Raums zu pfeffern und den Strand entlangzuwandern, sich den Schaum über die nackten Füße spülen zu lassen. Hin und wieder würden sie einen Schluck Wein aus der Flasche nehmen. So etwas würden junge Menschen in Scharen ein paar Jahre später machen. Im Augenblick geht das aber noch nicht. Die beiden haben noch was zu erledigen. Im hinteren Teil der Suite. In dem großen, bedrohlichen Bett.

Er hat ihr Zögern bis zur Hochzeitsnacht akzeptiert und ist nun hin- und hergerissen zwischen sengendem Begehren und der Angst, alles falsch zu machen, denn er war noch nie mit einer Frau zusammen. Sie kennt Sex nur aus einem Handbuch für angehende Ehefrauen. Dort standen gruselige Worte wie "Penetration", die nach zerteiltem Fleisch klangen, als sei sie eine Tür, die gewaltsam aufgebrochen wird, wenn ihr Gatte in sie "eindringt".

Die Zeit ist noch nicht reif, über diese Ängste zu reden. Der stille Ritus des Geschlechtslebens, umspielt von der Gefahr namenloser Katastrophen, steht noch nicht zur Debatte. Sie haben sich ineinander verliebt, wie sich wahrscheinlich Menschen zu allen Zeiten ineinander verlieben, in körperlicher Hinsicht funktionierte ihre Beziehung bislang aber lediglich über die Mechanismen wortlos von ihr erteilter oder entzogener Erlaubnisse. Seine Hand drang vor, sie ließ es geschehen, bis es nicht mehr ging, sie hatte Angst - Angst, ihn zu enttäuschen, seinen Forderungen nicht entsprechen zu können. Nun aber muss sie liefern. Als verheiratete Frau ist sie ihrem Gatten verpflichtet.

Die nun folgenden Tapsigkeiten beim Ausziehen der Schuhe, der Hose, das überambitionierte Herumgeschlecke beim Küssen am Bettrand, schließlich der gottverdammte Reißverschluss - all diese kleinen Hindernisse auf dem Weg zur idealen, reinen Vereinigung der Leiber hat man schon unzählige Male im Kino gesehen. Selten allerdings haben es die Liebenden so ernst gemeint, war die Bedrohung so real. Auf dem Spiel steht eine Ehe, ein ganzes gemeinsames Leben. Es ist natürlich an der Frau, jetzt bloß nicht zu kneifen. Also liegt sie einfach da, unfähig, mit dem Menschen zu sprechen, den sie liebt, und der sie liebt. Sie schließt die Augen und denkt an England, an ihren Vater, der sie anbrüllt, sie sei zu nichts zu gebrauchen.

Ein Film über soziale Zwänge, aber auch über die Freiheit

Das ist sie also, die wortlose Magie im Spiel der Geschlechter, die angeblich im lustfeindlichen Herumreden über Ängste und Grenzen beim Sex verloren zu gehen droht. Es wurde ja nicht immer so viel geredet und hinterfragt. Erst mit der 68er-Generation begannen die Erkenntnisse der Psychologie in der Breite zu zirkulieren, als Taschenbuch-Wissen, das jeder nutzen konnte, um mit sich und seinem Partner glücklich oder zumindest ein bisschen weniger unglücklich zu werden - weil man Dinge bespricht und Rollenbilder in Frage stellt.

Apropos Rollen. "Am Strand" ist nicht nur ein Film über soziale Zwänge, sondern auch über die Freiheit, ohne das auf der Handlungsebene ausbuchstabieren zu müssen. Die beiden Hauptdarsteller - ein sehr guter Billy Howle ("Dunkirk") und eine schlichtweg fantastische Saoirse Ronan ("Lady Bird") - vermitteln bei all dem die Ahnung eines fast unsichtbaren, wilden Ringens mit dem, was da tragischerweise im Skript steht. So werden Rollen lebendig: In der Andeutung, dass jenseits davon noch etwas kommt. Man ahnt, dass ein anderes Leben möglich wäre, man möchte direkt nach dem Kino jemandem seine Liebe gestehen und Klausurnoten teilen, ob es nun zur eigenen Rolle passt oder nicht.

Im Film selbst ist das nicht so leicht. Da stehen zwei einsamen Seelen am Strand, wo die Steine schon recht groß sind, am Nullpunkt einer neuen Zeit. Ein stiller Moment des Zweifels, der bald vom Lärm der Plattenspieler und der antibürgerlichen Brunftrufe aus den Kommunen überlagert werden sollte. "Am Strand" hingegen deutet eine andere sexuelle Revolution an, denn die ist auch in der heutigen Wirklichkeit noch längst nicht abgeschlossen. Es geht nicht um die Überwindung der körperlichen Unlust der jungen Ehefrau, wie sie die männlichen Verfechter der "freien Liebe" propagierten, als es hieß, wer zweimal mit der gleichen pennt, der gehöre schon zum Establishment, und überhaupt, entspannt euch mal, Mädels. Noch weniger geht es darum, sich die Klamotten vom Leib zu reißen und am Strand zu wälzen, endlich enthemmt. Eine wirkliche und vor allem zeitgemäße sexuelle Revolution würde früher beginnen. Angezogen. Mit einem Gespräch.

Am Strand, UK 2017 - Regie: Dominic Cooke. Buch: Ian McEwan. Kamera: Sean Bobbitt. Mit: Saoirse Ronan, Billy Howle, Anne Marie-Duff, Adrian Scarborough. Verleih: Prokino, 110 Minuten.

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