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Serie "Welt im Fieber": Ägypten:Ein, zwei, viele Ausgangssperren

Wedding ceremony during the spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Cairo

Tagsüber rumort das Leben, abends gilt Ausgangssperre: Hochzeit unter Corona-Bedingungen in Ägypten.

(Foto: REUTERS)

Brotproteste in den Siebzigern, Soldatenaufstände, Mubarak-Sturz: Die Ägypter haben so viele Notstände erlebt, sie haben sich schon fast daran gewöhnt.

Gastbeitrag von Khaled al-Khamissi

Die Regierungsentscheidungen für den Fastenmonat Ramadan sind ein Schlag für alle, die wie ich ein Maximum an Vorsichtsmaßnahmen befürworten. Der Beginn der Ausgangssperre wurde von anfangs sieben Uhr abends, dann acht, nun auf neun Uhr verschoben. Shopping Malls und Geschäfte dürfen die ganze Woche geöffnet haben, auch freitags.

Der Ministerpräsident stellte sogar eine baldige Rückkehr zum Binnentourismus in Aussicht. Doch wie oft bei Politikern brachte er in einem Satz zwei konträre Ideen unter, nämlich ein entschlossenes Vorgehen gegen das Virus und eine Belebung der Wirtschaft. Der erste Witz erreichte mich fünf Minuten, nachdem die Lockerung verkündet worden war: "Von jetzt an vertrauen wir nicht mehr auf das Bewusstsein der Ägypter, sondern auf das Bewusstsein des Virus." Minuten später folgte der zweite Witz: "Auf den Straßen sind viele Menschen unterwegs. Hoffen wir, dass sich wenigstens das Virus an die Auflagen hält und zu Hause bleibt."

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Diejenigen, die die Regierungsbeschlüsse verteidigen, weisen darauf hin, dass Deutschland ebenfalls Lockerungen erlaubt. Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Wael Gamal gab allerdings zu bedenken, dass sich laut Weltbank die Gesundheitsausgaben in Deutschland 2017 auf rund 3900 Dollar pro Kopf beliefen, während sie pro Ägypter bei etwa 35 Dollar liegen.

Unterdessen fiel mir Siad Ibn Abihi ein, der als erster Herrscher der arabischen Geschichte eine Ausgangssperre verhängt hatte. Siad Ibn Abihi, geboren im Jahre der Hidschra, des Auszugs des Propheten Muhammad aus Mekka nach Medina, wurde mit Beginn des Kalifats der Omaijaden Gouverneur von Basra. Dort rief er einen Notstand aus und drohte, jeden zu töten, der die Ausgangssperre verletze. Am Ende wurden tatsächlich drei Untertanen deshalb hingerichtet.

Der Protest gegen den gestiegenen Brotpreis nahm solche Ausmaße an, dass der Präsident nach Assuan floh

Einmal bei der Sache, ging ich in Gedanken alle Ausgangssperren durch, die ich erlebt habe. Die erste wurde im Januar 1977 verhängt. Ich war damals fast fertig mit der Mittelschule. Nachdem die Regierung beschlossen hatte, die Preise für Grundnahrungsmittel wie Brot, Tee, Reis, Zucker und Fleisch anzuheben, gingen von Alexandria im Norden bis Assuan im Süden die Menschen zu "Brotdemonstrationen" auf die Straße. Meine Schule lag in der Nähe des Tahrir-Platzes, und ich hörte sie skandieren: "Er - also Staatspräsident Anwar al-Sadat - ist nach der letzten Mode gekleidet, und wir wohnen zu zehnt in einem Zimmer." Der Aufstand nahm solche Ausmaße an, dass Sadat sich nach Assuan absetzte. Doch als sich herausstellte, dass die Proteste nur dem Brotpreis galten, verhängte er eine Ausgangssperre, ließ Tausende verhaften und erklärte, das sei "ein Aufstand der Diebe".

Die zweite Ausgangssperre wurde im Oktober 1981 verhängt. Ich hatte mein zweites Studienjahr der Politikwissenschaften begonnen. Am 3. September ließ Sadat nach einer Washingtonreise mehr als 3000 Ägypter verhaften, darunter Schriftsteller, Journalisten und Geistliche, er verbot oppositionelle Zeitungen und schickte Papst Schenuda III., das Oberhaupt der koptischen Kirche, in die Wüste - eine beispiellose Provokation. Meine Dozenten waren überzeugt, dass dies Sadats politisches Ende sei, ich erinnere mich gut an die Diskussionen. Dann ermordeten islamistische Extremisten den Präsidenten und die Ausgangssperre endete nach über einem Monat.

Am 25. Februar 1986 spielte ich Fußball mit Freunden, ich wollte bald heiraten und mein Studium in Frankreich an der Sorbonne abschließen. Präsident Hosni Mubarak versuchte, alle politischen Strömungen einzubinden und jedem um den Bart zu gehen, der ihm nützte, was zu einem Zustand der Stabilität führte, aber das ganze Land in einen brackigen, faulig stickenden Tümpel verwandelte. Da kam das Gerücht auf, die Armee wolle den Wehrdienst für alle Rekruten ohne Schulabschluss von drei auf fünf Jahre verlängern. Daraufhin verließen 20 000 Soldaten des Zentralen Sicherheitsdienstes in Gizeh ihre Kasernen und zündeten an den Pyramiden Geschäfte und Hotels an. Zufällig waren wir noch spät unterwegs und sahen, wie ein Hotel in Flammen aufging, ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Die Welle der Gewalt und Unsicherheit dauerte eine Woche. So lange herrschte auch die Ausgangssperre, während schwerbewaffnete Einheiten versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Seit dem Sturz Mubaraks 2011 haben wir so viele Einschränkungen und Auflagen durchlebt, dass wir uns schon daran gewöhnt haben. Ich habe mehr Jahre unter dem Ausnahmezustand verbracht als ohne, er ist mir schon fast zur Normalität geworden. Bleibt die entscheidende Frage: Warum bloß gilt für uns Ägypter von neun Uhr abends an eine Ausgangssperre, wo doch das Land den ganzen Tag über vor Leben nur so rumort? In der nächsten Woche werde ich versuchen, darauf eine Antwort zu finden.

Khaled al-Khamissi ist ein ägyptischer Schriftsteller. Aus dem Arabischen von Markus Lemke.

© SZ vom 30.04.2020
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