Abi Daré: "Das Mädchen mit der lauternen Stimme":Für zwei Säcke Reis

Abi Daré: "Das Mädchen mit der lauternen Stimme": Die nigerianische Schriftstellerin Abi Daré lebt heute in England.

Die nigerianische Schriftstellerin Abi Daré lebt heute in England.

(Foto: AMP 2018)

Welchen Wert hat ein Frauenleben? Abi Darés Debüt erzählt das Schicksal einer jungen Nigerianerin.

Von Jonathan Fischer

Kann das Leben mit 14 Jahren schon zu Ende sein? Adunni scheint keine Wahl zu haben. Das Dorfmädchen aus Nigeria muss alles zunächst einmal aufgeben: die Schule besuchen, Lehrerin werden, ein selbstbestimmtes Leben führen. Abi Darés Debütroman "Das Mädchen mit der lauternen Stimme" nimmt die Leser mit an einen Ort, an dem archaische Traditionen mehr zählen als Frauenrechte. "Wenn du zur Schule gehst, wird dich keiner in diesem Dorf zwingen, irgendeinen Mann zu heiraten... Deine Schulbildung ist deine Stimme, Kind. Sie spricht für dich, auch wenn du gar nicht den Mund aufmachst", das ist die letzte Ansprache der schwer kranken Mutter. Doch nach deren Tod will der Vater davon nichts mehr wissen und bietet seine Tochter dem sehr viel älteren Taxifahrer Morufu an, als Drittfrau, gegen die Hausmiete, ein paar Ziegen, und zwei Säcke Reis.

Für Adunni beginnt eine lange Flucht: Vor Morufu, der sie vergewaltigt, vor dessen eifersüchtiger Erstfrau, vor einem Leben, in dem erwartet wird, dass Mädchen Ehemännern zu Diensten sind und ihnen (männlichen) Nachwuchs gebären. Als Hausangestellte einer reichen Familie kommt sie nach Lagos. Doch auch hier wird sie ausgebeutet. Jung, weiblich, arm: eine scheinbar unüberwindbare Hürde. Trotzdem gibt Adunni ihren Traum nie auf, sich über schulische Bildung Gehör zu verschaffen. Kurzum: "eine lauterne Stimme" zu haben.

Mädchen werden von armen Eltern an vermögende Familien verkauft

Die tragische Heldin in "Das Mädchen mit der lauternen Stimme" steht für das Schicksal Millionen junger Mädchen in Nigeria und ganz Westafrika. Hausmädchen zählen dort kaum mehr als Leibeigene. Oft werden sie von armen Eltern beziehungsweise Kupplern an vermögendere Familien "verkauft". Viele finden sich dabei in ähnlichen Höllen wie Adunni wieder. Sexuell belästigt, beschimpft, geschlagen. Adunni wird gewarnt, sich nicht zu beschweren, wenn es ihr nicht so ergehen soll, wie ihrer verschollenen Vorgängerin.

Abi Daré: "Das Mädchen mit der lauternen Stimme": Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Eichborn, Frankfurt am Main, 2021. 368 Seiten, 22 Euro.

Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Eichborn, Frankfurt am Main, 2021. 368 Seiten, 22 Euro.

Abi Daré, die selbst in einer reichen Mittelschichts-Familie in Lagos aufwuchs, studierte Jura und kreatives Schreiben und lebt heute in England. Der Roman (im Original "The Girl With The Louding Voice") spielt im Jahr 2014: Präsidentschaftswahlen führen zu Spannungen, im selben Jahr versetzt Boko Haram mit der Entführung von 276 Schulmädchen die Welt in Schrecken. Adunnis Realität spiegelt die Spaltung der Gesellschaft wieder: Nigeria, eines der reichsten Länder Afrikas, hat seine urbane Mittel- und Oberschicht in die Moderne katapultiert, während die arme Mehrheit in patriarchalen, mittelalterlichen Verhältnissen gefangen bleibt. Vor diesem Hintergrund gewinnt Adunnis Kampf um Schulbildung an gesellschaftlicher Brisanz.

Einer von Darés stärksten Kunstgriffen ist Adunnis Sprache: Ihre Erzählstimme nimmt den Leser in einfachem, oft falschem Englisch, beziehungsweise Deutsch, an der Hand, macht ihn zum Komplizen ihrer kindlichen Gefühlswelt. Ihre - von der Übersetzerin Simone Jakob wunderbar ins Deutsche übertragenen - Neologismen sorgen dabei immer wieder für Komik: Fernseher heißt für Adunni "Fernseh", Ausland nennt sie "Außenland", ein Flugzeug "Aeloplane". Es ist gerade diese vermeintliche Kindersprache, die als Folie umso mehr das Gekünstelte und Korrupte ihrer Umwelt spürbar macht.

Dass sie am Ende doch noch einen Weg aus der Misere findet, verdankt sie nicht allein ihrer Intelligenz und Beharrlichkeit. Es ist Frauensolidarität, die sie immer wieder rettet. Und das Glück, auf eine Gönnerin und Freundin aus der Oberschicht zu stoßen, die Adunnis Unschuld anrührt. Die die "lauterne Stimme" des Mädchens als Teil ihrer eigenen Menschlichkeit hören kann.

© SZ/clu
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