Abgehängte Bevölkerungsgruppen "Unser Mediensystem weist Besonderheiten auf"

Und das spricht Ihrer Meinung nach nicht nur sogenannte Abgehängte an.

Unsere Studien zeigen: AfD-Wähler kommen aus allen sozialen Schichten. Die untere Schicht fällt dabei nicht sehr stark ins Gewicht. Stattdessen wird die AfD von Menschen unterstützt, die ein bestimmtes gesellschaftliches Ideal ablehnen, das wir in der Forschung kosmopolitisch nennen: Dass Menschen in einer Welt ohne Grenzen leben, dass wir bei Bedürftigkeit helfen, egal wo, dass wir unterschiedliche Lebensentwürfe anerkennen - all das lehnen die Anhänger der AfD ab. Und wünschen sich stattdessen einen Nationalstaat als Schutz vor äußerer Bedrohung, mehr kulturelle Homogenität, mehr traditionelle Lebensformen - und keinen Islam, der dazugehört. Und es scheinen doch ziemlich viele zu sein. Zwölf Prozent der möglichen Stimmen erreichte die AfD beim letzten ARD-Deutschlandtrend.

Es geht den AfD-Anhängern weniger um wirtschaftliche Fragen als um kulturelle?

Ja, denn diese Menschen fühlen sich als Modernisierungsverlierer, sind es aber nicht im wirtschaftlichen Sinne. Für die entwickelt sich die Welt insgesamt in die völlig falsche Richtung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Für die Anerkennung unterschiedlicher sexueller Orientierungen und Lebensweisen ist in ihrem Weltbild kein Platz. Diese Entwicklung hat die Gesellschaft in den letzten 20 Jahren aber genommen: weniger Diskriminierung, mehr Pluralität, bis zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen. Das ist für diese Menschen absurd - und die AfD steht wie ein Leuchtturm dagegen. Ihre Unterstützer sind also nicht wirtschaftlich, sondern kulturell abgehängt von einer für sie falschen Entwicklung. Sie wollen eine andere Form der Gesellschaft.

"Nicht wirtschaftlich, sondern kulturell abgehängt": Holger Lengfeld hat die AfD-Anhängerschaft (im Bild eine Demo in Cottbus vom 19. September) und deren Motive genauer erforscht.

(Foto: dpa)

Sie sagen also, im Grunde wurde niemand im Stich gelassen?

Wirtschaftlich gibt es viele Menschen, die in den letzten Jahren weniger hinzugewonnen haben als andere, das ist eindeutig. Und es gibt immer gesellschaftliche Gruppen, die ihre Unzufriedenheit deklarieren. Vor diesem Wahlkampf haben wir aber keine klar umrissenen Gruppen, die wirtschaftlich eindeutig im Stich gelassen worden sind. Es geht eher darum: Wie wollen wir leben, wie sieht die Gesellschaft als Ganzes aus? Wenn man sich bei Wahlkampfauftritten in Ostdeutschland diese Wut anschaut, die Politikern dort entgegenschlägt, dann lässt sich das eher mit dem Gefühl dieser Leute erklären, dass die Regierung sie verraten hat. Weil sie eine falsche kulturelle Entwicklung der Gesellschaft betreibt. Das sind zwar tatsächlich Menschen, die im unteren und mittleren Bereich auch objektiv nicht zu den Gewinnern der Globalisierung zählen, aber auch nicht stark verloren haben. Ihre Wut speist sich aus der kulturellen Enttäuschung.

Und wer kulturell enttäuscht ist, sieht sich auch von Lügenpresse umgeben?

Der Vorwurf der Lügenpresse ist schön plakativ, aber im Wesentlichen falsch. Lügen im Sinne von bewusst die Unwahrheit verbreiten findet ja nicht statt. Das ist im Kern aber wohl auch nicht gemeint, sondern dass das Mediensystem die Sicht der kulturell Unzufriedenen auf die Dinge nicht repräsentiert.

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Und stimmt das?

Aus der Forschung weiß man, dass unser Mediensystem in der Tat eine Besonderheit aufweist, die sehr viel mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Deutsche Journalisten haben viel stärker als in anderen Ländern die Vorstellung, einen aktiven Beitrag zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung leisten zu wollen. Dazu gehört auch, das Publikum zu erziehen. Also nicht nur die Wiedergabe dessen, was ist, sondern auch der Versuch, die Menschen davon zu überzeugen, dass bestimmte Entwicklungen sinnvoll und richtig sind und andere nicht. Nun sind Medienleute in Deutschland laut Umfragen im Schnitt etwas linksliberaler als in anderen Ländern. Daher gibt es kaum wertkonservative Medienformate wie es sie in den 70ern in der BRD gab, wo politischer Streit viel stärker aufeinanderprallte. Das vermissen diese Menschen, die solche Vorwürfe äußern. Sie finden in den Medien ihre Wertevorstellungen nicht wieder.

Das ist derselbe Vorwurf wie der an das politische System.

Genau, dabei gibt es aber keinerlei Anlass zu Verschwörungstheorien. Es gibt keine Gruppe, die die Strippen zieht, sondern alles ist das Ergebnis eines langsamen gesellschaftlichen Wandels. Aber offenbar kommt es dazu, dass ein Teil der Gesellschaft da nicht mitkommt. Und der kann sich nun artikulieren, über Plattformen wie Pegida oder AfD. Das war lange Zeit nicht möglich. Schon vor sechs, sieben Jahren hatten die Menschen dieselben Einstellungen, aber keinen Ort, um sich zu äußern. Wir nennen das die Umkehrung der Schweigespirale: Sobald die anderen schweigen, schweige ich auch, aber wenn sich andere äußern, die dieselbe Meinung vertreten, werde ich auch ermuntert, zu sprechen. Da setzt sich eine starke Dynamik in Gang, ein Bedürfnis nach Artikulation, den Unmut zu äußern. Die Flüchtlingskrise im Mittelmeer hat Pegida und das Erstarken der AfD ausgelöst.

Das heißt, die Flüchtlingskrise war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Ich denke schon. Der Unmut schwelte schon länger. Damit Menschen, die das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, sich äußern, braucht es externe Geschehnisse, die auf einmal passieren. Die Flüchtlingskrise hat nur zu einem geringen Teil die Unzufriedenheit der Menschen verstärkt. Aber jetzt haben sie einen legitimen Ort, um sie zu äußern. Die ersten Pegida-Demos waren Bürgerdemonstrationen, kein Hort der Rechtsextremen. Viele Forscherteams sind da reingegangen, und haben gesehen, dass die gesellschaftliche Mitte mitlief.

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Wie sieht das historisch aus? Wurde der "kleine Mann" oder auch einfach der unzufriedene Bürger in früheren Jahrzehnten weniger übersehen? Gibt es da einen Wandel?

Man darf die Steuerungsfähigkeit der Politik nicht überschätzen. Das Kleine oder Große am Mann oder der Frau wird im Bereich der Wirtschaft entschieden. Die Politik kann nur an den Verteilungsverhältnissen etwas ändern. In Westdeutschland wurde mit dem Wirtschaftswunder seit Mitte der 50er Jahre immer spezifischer versucht, unterschiedlichste Lebenslagen materiell zu unterstützen. Deshalb kann ich nicht erkennen, dass der kleine Mann früher mehr Beachtung bekommen hat als heute. Was sich geändert hat, sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Politik kaum beeinflussen kann. Wenn etwas woanders deutlich billiger hergestellt wird, endet die Steuerungsfähigkeit.

Was würden Sie also der Politik raten: Was ist jetzt zu tun?

Das ist die Königsfrage. Auf große gesellschaftliche Fragen gibt es keine klaren Antworten. Das Schwierige ist, dass man die Wahrnehmungswelt der Modernisierungsverlierer nicht mehr erreicht, die ist verschlossen. Diese Menschen leben in ihrer eigenen Welt. Sie haben ein Gefühl der massiven Benachteiligung, obwohl sie wirtschaftlich gar nicht so schlecht dastehen. Das hört man immer wieder: Die Flüchtlinge bekommen alles und bei uns wird der Lebensmittelladen geschlossen und alles wird immer schlimmer. Dass etwa die Kleinstädte sterben oder die Kitas im Osten geschlossen werden, ist nicht Folge der Flüchtlingspolitik, sondern des gesellschaftlichen Wandels. Aber Sie erreichen diese Leute mit schlichter Aufklärung nicht. Dennoch muss man mit Überzeugungsarbeit wider den Populismus arbeiten - dabei aber selbst nicht in Populismus verfallen, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Man darf nicht versuchen, diese Leute mit unwahren Simplifizierungen zu erreichen. Leider passiert das aber im Wahlkampf.

Und was würden Sie den Medien raten, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen?

Überlegen Sie, inwiefern Ihre Berichterstattung beeinflusst ist durch das, was Sie politisch und gesellschaftlich selbst denken. Dann ist die Chance größer, dass Berichterstattung unparteiischer ausfällt. Bringen Sie mehrere Perspektiven, auch von Menschen, die ganz andere Wertevorstellungen haben. Gar nicht so lange nach der Flüchtlingskrise, schon im Herbst 2015, kam es bei Journalisten zu Selbstreflektionen. Damals waren die Medienberichte voll von der Hilfsbereitschaft der Deutschen, und dann hat man durch das Erstarken der AfD bei den Landtagswahlen plötzlich bemerkt, dass man ein Phänomen übersehen hat. Viele Medienschaffende waren als Bürger sehr stark mit der Hilfsbereitschaft einverstanden und wollten darüber berichten. Wenn man die Ressentiments übersieht und da nicht mehr hinguckt, kommt es zu Problemen.