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65. Filmfestival Cannes:Prototypischer Hipster-Regisseur

Denn die Idee des Perfekten ist hier immer aus dem Zentrum gerückt. Es geht immer auch um die perfekte Beschwörung - und zugleich Verteidigung - des Ungelenken. Diese langen Beine zum Beispiel: Sie passen nicht in den niedrigen Hotelsessel, weshalb nun Wes Andersons Knie prominent in die Luft ragen. Sie sind in permanenter Bewegung. Es ist, als ob diese hyperaktiven Knie die Sätze dementieren wollten, die Wes Anderson mit leiser, leicht nasaler, stets gleichförmiger Stimme spricht. Zum Beispiel über den Erfolgsdruck.

"Ich muss ehrlich gestehen, dass ich solchen Druck eigentlich nie gespürt habe. Das liegt, glaube ich, in meiner Natur. Ich suche einfach nur Gleichgesinnte, und dann machen wir, wozu wir die größte Lust haben. Und wenn etwas fertig wird, ist das Gefühl eher: Hier ist es, mal sehen, was die Leute sagen." So redet einer, der sich nicht aufdrängen will.

So überrascht es nicht, dass seine nun zwanzigjährige Karriere im Filmgeschäft stetig und unaufgeregt verlaufen ist. Wenn man heute seinen Erstling Bottle Rocket aus dem Jahr 1992 wiedersieht, hat man gleich das Gefühl, dass da ein vollständiger Filmemacher die Bühne betritt. Drei junge Männer in Texas erfinden sich selbst als Kriminelle, um ausgeklügelte Raubüberfälle zu begehen - tatsächlich aber gelingt ihnen gar nichts. Diese Figuren, bei denen Charisma, Todesmut, Größenwahn, Selbstbetrug und Losertum bruchlos ineinander übergehen, diese Liebe zu seltsamen Ausdrucksweisen und Sprachmelodien - alles schon da.

Mit Rushmore, The Royal Tenenbaums, The Life Aquatic with Steve Zissou, The Darjeeling Limited und schließlich dem Animationsfilm Fantastic Mr. Fox wird die Palette dann immer bunter und der Rahmen größer, es geht auch mal raus auf hohe See oder auf Weltreise bis nach Indien - aber die Liebe zum Ungelenken und zugleich irgendwie Todesmutigen, zur großen Geste und zum komischen Kollaps, daran ändert sich nichts. Und wenn die Kasseneinnahmen, die Hollywood verlangt, einmal ausbleiben, dann sorgen schon Stars wie Bill Murray und andere durch ihr Mitwirken dafür, das auch die nächste verrückte Idee wieder finanziert wird. Kluge Schauspieler sind die wahren Unterstützer des Autorenprinzips in Amerika.

"Ich will immer beides", sagt Wes Anderson dazu. "Diese Szenen, die ein Gefühl für das Imaginäre oder Absurde haben, die man auch artifiziell nennen könnte. Und gleichzeitig diese Verbindung zu realen Personen und realen Gefühlen, die jeder kennt, die nachvollziehbar sind. Ich weiß, dass das beides zusammen für ein Publikum nicht leicht zu akzeptieren ist, aber ich möchte das eine nicht für das andere opfern. Und selbst wenn ich es versuchen sollte - das Ergebnis wäre sicher grauenvoll, und darüber wäre dann auch niemand glücklich."

Völlige Offenheit

Die perfekte Beschwörung des Ungelenken - auch eine gute Arbeitsbeschreibung für jene Menschen, die in den Metropolen des Planeten so lange an ihrer Erscheinung feilen, bis der Rest der Welt sie dann Hipster nennt. In diesem Sinn ist Wes Anderson, doch ja, der prototypische Hipster-Regisseur.

Er transzendiert nur eben auch den Hass, der sich auch immer wieder auf den Hipster richtet, weil ihm alles krampfhaft Hermetische und unehrlich Erzwungene fehlt. Er versucht nicht, aus irgendwas ein Geheimnis zu machen, er bemüht sich auch im Gespräch um völlige Offenheit. Seine Filme werden so, wie sie werden, weil er jede andere Art des Filmemachens einfach nicht beherrscht. Und seine Rettung ist, dass man ihm das wirklich glauben kann.

Wenn diesem Kino eine Gefahr droht, ist es der Hang zur Bastelarbeit - dass jedes Detail irgendwann doch zu liebevoll perfekt und nostalgisch ausgestaltet ist. Dieses Problem packt Moonrise Kingdom nun an, indem der Film offensiv im Jahr 1965 spielt. Da kommt dann zum Beispiel ein batteriebetriebener, tragbarer Plattenspieler zum Einsatz, eine unsterblich schöne Plastikkreation aus Beige und Himmelblau. Auf ihm läuft Françoise Hardys "Le temps de l'amour". Keine Ahnung, wie diese Platte den Weg zu Suzy gefunden hat, aber sie passt perfekt, wenn Sam sie am Strand auflegt und dann beide dazu tanzen, fröstelnd in nasser Unterwäsche. Im Hintergrund zieht eine Nebelbank auf, davor wirken sie irgendwie schutzlos, ungelenk sowieso - und doch ist das so großartig, wie das erste Erwachen der Liebe nur sein kann.

Neues Gefühl im Finale

Dieser Song war eines der Puzzlestücke, das ich von Anfang an hatte und unbedingt in dem Film verwenden wollte", sagt Anderson. "Aber wenn Sie mich jetzt fragen, warum der Film 1965 spielt, müsste ich eine Antwort erfinden... Das ist keine Zeit, die mich besonders fasziniert. Ich kann nur sagen, dass wir die Story irgendwie aus der Zeit herausnehmen mussten, aus der unmittelbaren Gegenwart."

Neu in Andersons Werk ist auf jeden Fall das Gefühl im Finale, das man nur als große Oper beschreiben kann: mit Musik von Benjamin Britten, mit Wimmelbildern aus Action und Drama, mit Blitz und Donner und einem nicht ganz ernst gemeinten Apocalypse Now-Gefühl im Pfadfinderlager. "Wohl wahr", lacht Anderson. "Ein Sturm zieht auf, die Staatsmacht will zur Aktion schreiten, die Aussichten für die Liebenden verdüstern sich - und auf einmal standen mein Co-Autor Roman Coppola und ich beim Schreiben vor der Frage: Sollen wir noch rauf aufs Kirchturmdach? Dort könnten die beiden mit dem Sprung in die Tiefe drohen... Früher hätte ich das eine Nummer kleiner gelöst. Aber dann sahen wir uns an und sagten: Let's go."

Wozu man nur sagen kann: Ein Filmemacher, der zum Finale aufs Kirchturmdach steigt, braucht auch vor dem Publikum im Grand Théâtre Lumière in Cannes keine Scheu zu haben.

© SZ vom 16.05.2012/cag/pak/rus
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