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46. Filmfestival Karlovy Vary:Unentdeckte Trümpfe

Karlsbad wird außerdem eine große Kompetenz für das vitale Kino Osteuropas zugebilligt, was ähnlich wie die große Zahl von Debüts ins Bild passt. Denn auch hier besteht Überraschungspotenzial: Obwohl die Kinematografie des Halbkontinents in den vergangenen Jahren immer wieder große Auszeichnungen ergatterte, wird sie bei den internationalen Festivals häufig übergangen. So ist etwa der Tscheche Jan Hrebejk über die Landesgrenzen hinweg kaum bekannt - trotz seiner Oscar-Nominierung vor zehn Jahren und dem Dauererfolg beim heimischen Publikum mit ständig neuen Filmen.

Szene aus dem Film "Belvedere" von Ahmed Imamovic: Verpflichtungen gegenüber den geschundenen Lebenden und den Hingemetzelten.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Die Fokussierung auf das osteuropäische Kino spielt den Karlsbader Festivalmachern also immer wieder Trümpfe in die Hand, die anderswo unentdeckt blieben, und so geschah es auch dieses Jahr. Dem Slowaken Martin Sulik etwa gelang mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Zigeuner - Cigán" ein beeindruckendes Drama von Shakespearscher Gewalt im Milieu der Roma-Bevölkerung seines Heimatlandes.

Der Film dokumentiert eindrucksvoll die Ausweglosigkeit, der der 14-jährige Adam (Jan Mizigar) nach dem gewaltvollen Tod seines Vaters ausgesetzt ist. Die ungeschriebenen Gesetze der Roma und die Abweisungen durch die slowakische Mehrheitsgesellschaft werfen ihn immer wieder zurück, während er für ein besseres Leben kämpft. "Wir wollten ein Raum für Diskussion schaffen", sagte Sulik in Karlsbad, dem es um Tabubrüche geht und die Korrektur verzerrter Vorstellungen. Er besetzte daher fast alle Rollen mit Laiendarstellern aus der Minderheit, die eine speziellen Roma-Dialekt beherrschen, und drehte direkt vor Ort in einem übervölkerten Roma-Dorf.

Existenzielle Nöte

Heraus kam dabei ein Drama von großer Authentizität, das aufräumen soll mit dem Bild, Roma seien nichts als ein Haufen Kleinkrimineller. Denn auch dem letzten Zuschauer wurde bei der Karlsbader Premiere klar, dass der ständige Mangel an Strom, Wasser, Heizung und einer ausreichenden Gesundheitsversorgung vielen keine andere Wahl lässt, als die Gesetze zu brechen.

Existenzielle Nöte beschrieb in Karlsbad auch der Bosnier Ahmed Imamovic, dessen Drama "Belvedere", die in der Reihe "East of the West" lief. Die Sektion, die für Filme aus Osteuropa reserviert ist, hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, und es ist das erklärte Ziel der neuen künstlerischen Leitung unter Karel Och, ihr noch mehr Gewicht zu verleihen.

In "Belvedere", benannt nach einem Flüchtlingslager, wendet sich Imamovic dem Völkermord von Srebrenica zu, dem letzten großen Massenmord des 20. Jahrhunderts. Im Westen wird dem Genozid nur noch punktuell Aufmerksamkeit gewidmet, dabei kämpfen die Überlebenden auch 16 Jahre danach Tag für Tag mit den Folgen.

Die Themen des Ostens

Stellvertretend für dieses Leid steht bei Imamovic die quasi mythische Figur der Ruvejda (Sadzida Setic), die eingeengt von den Verpflichtungen gegenüber den geschundenen Lebenden und den Hingemetzelten ihren Mann, Vater und ihre Kinder betrauert. Das Leben in der deprimierenden Umgebung des Flüchtlingslagers und der Hohn der Täter machen es ihr unmöglich, mit der Vergangenheit abzuschließen, und so greift sie zum äußersten Mittel. Er wolle mit seinem Film nicht alte Gräben aufreißen, betonte Imamovic in Karlsbad, sondern nur einen Beitrag dafür leisten, dass es nie wieder ein Srebrenica gibt.

Die wichtigste Botschaft des Karlsbader Festivals war in diesem Jahr, dass die Filmemacher aus den osteuropäischen Nachbarländern zunehmend ihre spezifisch eigenen Themen auf die Agenda setzen. Das ist gut so, denn ihre Stoffe sind auch Angelegenheiten des Westens, auch wenn der sie häufig nicht zu erkennen vermag. Die Roma als größte Minderheit Europas verdienen jedoch Aufmerksamkeit für ihre unbewältigten Probleme ebenso wie die Zeit für einen echten Frieden auf dem Balkan überfällig ist.

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