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30 Jahre "Zurück in die Zukunft":Die Landung des Marty McFly

Zurück in die Zukunft

Film ihre Lebens: Szene aus "Zurück in die Zukunft" mit Michael J. Fox (rechts) und Christopher Lloyd.

(Foto: imago stock&people)

Am 21. Oktober 2015 um 16.29 Uhr kommt die coolste Zeitmaschine der Kinogeschichte in der Gegenwart an. Über den Hype um einen 30 Jahre alten Film - und unerfüllte Zukunftsvisionen.

Von Roman Deininger

An einem Tisch sitzt ganz allein Zach Galligan, neben ihm ein Schild: "15 Pfund". Als Galligan 19 war, spielte er die Hauptrolle in der Horrorkomödie "Gremlins", er war ein Star in den Achtzigern. In den Neunzigern ist ein Gastauftritt in "Dr. Quinn - Ärztin aus Leidenschaft" registriert, in den 2000er-Jahren eine Verhaftung wegen Ladendiebstahl. Jetzt ist Galligan 51, und wer auf der Londoner Film- und Comicmesse, die man sich als gigantische Autogrammstunde vorstellen kann, seine Unterschrift will, muss 15 Pfund hinlegen. Es will nur gerade keiner.

Galligans Blick wandert versonnen über die anderen Signiertische im Konferenzzentrum Olympia, vielleicht auch über die Preisschilder. Richard Dean Anderson, 65, der mal MacGyver war: 45 Pfund, lange Schlange. David Prowse, 80, der Darth Vader spielen, aber nicht sprechen durfte: 35 Pfund, kurze Schlange. Ein angegrauter, drahtiger Herr, der einst ins Gummikostüm eines "Teenage Mutant Ninja Turtle" stieg: 20 Pfund, die einzige Interessentin streichelt verliebt den Krötenpanzer, den er sich auf den Rücken geschnallt hat.

Ein paar Meter weiter: ein Riesenauflauf von Terminatoren, Spidermans und Klingonen - zu einer Film- und Comicmesse kommt der Fan nicht in Zivil. Welcher alte Held sich wohl hinter dieser Karnevalstraube verbirgt?

"Dieser Film hat mir alles gegeben! Ich danke euch Fans, und ich danke Gott!"

Zunächst mal hört man nur eine Stimme, soulig-schön, sie singt: "Earth Angel, Earth Angel, please be mine!" Nach Drängelduellen mit zwei Ghostbusters sieht man endlich den Mann, dem die Stimme gehört: Anfang sechzig, glitzergrünes Jackett, schwarze Fliege, das breiteste Lächeln von London. Harry Waters Jr. spricht jetzt zur Menge wie ein Prediger: "Dieser Film hat mir alles gegeben! Ich danke euch Fans, und ich danke Gott!"

Als Harry Waters jung war, hatte er eine kleine Rolle in einem großen Film. "Zurück in die Zukunft", das ist die Geschichte des Teenagers Marty McFly (Michael J. Fox), der vom kauzigen Erfinder Doc Brown (Christopher Lloyd) in einem zur Zeitmaschine umgerüsteten DeLorean-Sportwagen ins Jahr 1955 zurückgeschickt wird, wo er neben Zeit und Raum gleich auch den eigenen Stammbaum durcheinanderbringt. Waters war in der Schulballszene der Bandleader, er sang die Ballade "Earth Angel" und trug ein glitzergrünes Jackett dabei.

Man könnte sagen, dass Harry Waters seine gesamte Karriere auf diesen Mini-Part gebaut hat. Man könnte es aber auch weniger charmant ausdrücken: So viel hat er da gar nicht mehr gebaut, er schlüpft einfach immer wieder in dieses eine Jackett und singt dieses eine Lied, bei Messen und Firmenfeiern. Sein Autogramm mag nur 15 Pfund kosten - aber in einem guten Augenblick sticht er den Gremlins-Galligan aus, Darth Vader und sogar MacGyver. "Dreißig Jahre ist das alles her", sagt Waters, leise für seine Verhältnisse. Und dann wieder laut: "Und ich sehe immer noch ziemlich gut aus!"

Was für Waters gilt, gilt auch für den Film seines Lebens: "Zurück in die Zukunft", im Sommer 1985 sagenhafte elf Wochen Nummer eins der US-Kinocharts, sieht immer noch ziemlich gut aus dreißig Jahre nach dem Start. Das tut auch der zweite Teil von 1989, der in einem augenschädlich bunten Morgen spielt. Und das, obwohl Science-Fiction-Filme ja naturgemäß schlecht altern, weil sich die Fiktion einer nicht allzu fernen Zukunft halt zwangsläufig irgendwann mit der Wirklichkeit messen muss.

Autos fliegen immer noch nicht auf Highways am Himmel

Marty McFly kommt laut Film am 21. Oktober 2015, 16.29 Uhr, in der Zukunft an - die zum Schrecken alter Fans unsere Gegenwart ist. Martys silberner Flügeltür-DeLorean, die coolste Zeitmaschine der Kinogeschichte, wird wieder Boden unter den Reifen haben - anders als im Film prognostiziert, wird es tatsächlich Boden sein, weil Autos immer noch nicht auf Highways am Himmel fliegen.

In allen Ecken der Erde sind Fans regelrecht rollig wegen der eminent filmhistorischen Okkasion, sie zählen die Uhr herunter bis zu Martys Landung. Die Aufteilung der Erde in Zeitzonen will es, dass dieser die Zukunft zuerst in Masterton erreicht, einer für Schafzucht bekannten Kleinstadt in Neuseeland. Die guten Menschen von Masterton planen einen warmen Empfang mit Filmvorführung. Auch in vielen deutschen Kinos soll es ein großes Hallo geben.

Sporthemden, die Blutdruck messen, gibt es schon

Mit ihrem Fantasie-2015 lagen Regisseur Robert Zemeckis und Autor Bob Gale gar nicht so brutal daneben. Okay, die Jugendlichen von heute schweben nicht auf "Hoverboards" durch die Gegend. Aber immerhin haben die Japaner gerade den Prototypen eines fliegenden Skateboards präsentiert, das Ding hält sich auf einer Magnetbahn zwei Zentimeter über dem Boden und raucht ganz schrecklich. Gut, noch immer kommen die meisten Leute ohne Videobrillen über die Runden - andererseits geistert doch immer mal jemand mit Google-Glasses durch die U-Bahn. Und ja, es mag keine Jacken geben, die automatisch die Größe anpassen; Sporthemden, die Blutdruck messen, gibt es schon.

Dass sich weitere Mode-Visionen nicht erfüllt haben, darf man erleichtert zur Kenntnis nehmen: Man trägt nicht zwei Krawatten nebeneinander, Hosentaschen krempelt man nicht grundsätzlich nach außen.

Es dürfte diese Liebe zum Detail sein, das hintersinnige Spiel mit den Zeitebenen, das "Zurück in die Zukunft" noch immer ziemlich gut aussehen lässt. Im Filmjahr 1955 erklärt Marty zum Beispiel, US-Präsident 1985 sei Ronald Reagan. Doc Brown ruft ungläubig: "Der Schauspieler? Und wer ist dann Vizepräsident? Jerry Lewis?" Im Filmjahr 2015 wiederum wirbt in einem Reisebüro ein Palmen-Plakat fürs Surfen in Vietnam - relativ kurz nach dem Krieg musste man das für einen völlig irren Einfall halten. Heute kann man auf dem Markt in Ho-Chi-Minh-Stadt Marty als Spielzeugpuppe kaufen.

Die Filmcrew ist im echten 2015 im Partystress, das Studio Universal weiß den 30. Geburtstag zu inszenieren, die Trilogie erscheint frisch auf DVD und Bluray. Und die Londoner Messe ist die Bühne für ein ausgelassenes Klassentreffen. 2000 Zuschauer im Saal, vorne freuen sich Harry Waters und ein Dutzend andere Schauspieler über das Wiedersehen, für jeden war "Zurück in die Zukunft" der Film seines Lebens. Sie erzählen, dass Bösewicht Biff sie an Donald Trump erinnert, und dass es den DeLorean jetzt auch als Golfcart gibt. Aber wenn der Mann auf dem Stuhl links außen redet, sind alle sofort still.

Was Bösewicht Biff mit Donald Trump zu tun hat

Michael J. Fox, der öffentliche Kranke Amerikas, kämpft seit zwei Jahrzehnten gegen Parkinson, und dennoch sieht er mit 54 Jahren besser aus als Marty mit 47 im Film. Die Zeitmaschine, berichtet Fox, sei im Originalskript übrigens ein Kühlschrank gewesen: "Aber wir hatten Angst, dass alle Kinder das dann daheim ausprobieren." Fox, auch das ist eine der hübschen Anekdoten, die in London gewälzt werden, war nicht mal der Original-Marty. Erst nach sechs Drehwochen wechselte ihn Zemeckis für Eric Stoltz ein, der einfach nicht lustig genug war.

Die Hardcore-Fans im Publikum schreiben solche Sachen sorgfältig mit. Sie wissen, dass Disney-Manager das Projekt wegen der "inzestuösen" Handlung ablehnten, Martys Mutter verliebt sich ja in ihren zeitreisenden Sohn. Sie wissen auch, dass der Hund Einstein, der Marty und Doc Brown treu begleitet, eigentlich ein Affe sein sollte. Und sowieso wissen sie, dass sich der Titelvorschlag des Studios nicht durchsetzte - sonst würden wir jetzt den Dreißigsten des Kult-Klassikers "Spaceman from Pluto" feiern.

"Der Film berührt etwas bei den Menschen"

Eine Hotelsuite in der Nähe der Messe, Christopher Lloyd empfängt zum Jubiläumsinterview. Lloyd, 76, hat Brecht-Rollen gespielt im Theater, aber er ist immer Doc Brown geblieben, ist mit wehendem weißen Haar für Werbespots vor der Kamera gestanden, für Serien-Cameos und Videospiele. Ist ihm das nie zu viel geworden? "Nein", sagt Lloyd routiniert, "diese Rolle hat mein Leben verändert, und dafür werde ich immer dankbar sein."

Und warum, bitte schön, sieht der Film heute immer noch ziemlich gut aus? Jetzt denkt Lloyd nach. Bei Blockbustern, sagt er dann, gehe es ja oft um die Action und die Effekte. Bei "Zurück in die Zukunft" sei das anders: "Der Film berührt etwas bei den Menschen. Es geht um Familie, um das gute, alte Kleinstadtleben. 1985 hatten wir Nostalgie für die Fünfziger, und 2015 haben wir Nostalgie für die Achtziger."

Wenn es das überhaupt gibt, dann ist "Zurück in die Zukunft" melancholisches Popcorn-Kino, und genau so fühlt sich am Ende auch das Klassentreffen von London an. Harry Waters singt "Earth Angel", als wäre es das erste Mal, Fox, Lloyd, alle wiegen sich im Takt. Sie sind alt geworden, aber irgendwie hält der Film ihres Lebens sie für immer jung.

© SZ vom 10.10.2015/jobr
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