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100. Festspiele: Besuch in Bayreuth:Der Alkoholator

Mit dem "Tannhäuser" beginnen an diesem Montagnachmittag die 100. Bayreuther Festspiele - ein Stück über Sex als Droge, deren Entzug heftige Delirien produziert. Ein Besuch bei den Proben auf dem Grünen Hügel und Gespräche über Bayreuther Gepflogenheiten.

An der Rückseite des Bayreuther Festspielhauses, dort wo ein riesiges Tor den Bühnenbildern einen direkten Zugang auf die Bühne gestattet, konnte der unbedarfte Passant in den Wochen vor der heutigen Festivalpremiere manchmal einen monströs großen und knallroten Tank erblicken: einen Alkoholator, wie eine Aufschrift verrät, dessen sieben Ausgüsse mit den Namen der Wochentage beschriftet sind, darunter jeweils die lakonische Bemerkung "4000 Liter". Als Premiere dieser 100. Bayreuther Festspiele ist "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg" angesetzt. Ein Stück über Sex als Droge, deren Entzug heftige Delirien produziert. Aber was hat der Alkoholator damit zu tun?

Bayreuther Festspiele - Sebastian Baumgarten

Regisseur Sebastian Baumgarten, Jahrgang 1969, ist erstmals in Bayreuth, inszeniert den diesjährigen "Tannhäuser" - und auch er staunt über Bayreuther Gepflogenheiten. 

(Foto: dpa)

Kurz danach ist das Ungetüm verschwunden. Jetzt steht der Alkoholator auf der Bühne des Festspielhauses. Doch was sonst so passiert bei dieser "Tannhäuser"-Probe, darf nicht verraten werden. Der Journalist muss sich schriftlich verpflichten, "keine Rezension zu verfassen oder eine andere Bewertung . . . vorzunehmen." Außerdem wird darauf hingewiesen, dass der Besuch der Probe auf eigene Gefahr erfolge, jede Haftung der Festspiele ausgeschlossen sei.

Also schweift der Blick von der ersten Reihe aus nicht auf die Bühne sondern in den Zuschauerraum. Ein Raum, den sich Richard Wagner nach eigenen Vorstellungen bauen ließ und der von Legenden umwoben ist. Besonders was die Akustik angeht, die als einmalig gilt - deren Tücken aber genauso einmalig sind. Doch vor jedem Ton ist der bei der Probe fast leere Raum erst einmal architektonisch ein Erlebnis. An sechs klassizistischen Prospektsäulen gleitet der Blick bewundernd bis ganz nach hinten zu den Logen, in denen bei der Premiere Merkel & Co sitzen werden. Was sie wohl vom Alkoholator denken werden? Ob Seehofer die Installation eines solchen Riesenbottichs im Bayerischen Landtag erwägen wird?

In der Mitte des Raums stehen verschiedene Tische fürs Regieteam. Den größten dieser Tische zieren elf Bildschirme. Regie 2011 ist Hightech, mögen sich Sänger und Musiker auf der Bühne und im Graben auch noch so schwitzend mit der Akustik abmühen. Da sind auch die Intendantinnenschwestern, Katharina, sie winkt kurz herüber, und Eva Wagner. Im hoheitsvoll gebührenden Abstand zu den Journalisten nehmen sie Platz, sichtlich gespannt. Ob sie schon wissen, wer den "Ring" 2013 zu Wagners 200. Geburtstag inszenieren wird? Derzeit wird Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, als Favorit gehandelt.

Dann geht das Licht aus und "Tannhäuser"-Dirigent Thomas Hengelbrock lässt aufspielen. Schon Wochen zuvor hat es geheißen, dass er "weder vor noch nach der Premiere" etwas zu den Journalisten sage werde. Und natürlich auch nicht während der Premiere.

Die Wulst

Zu den Besonderheiten des Festspielhauses gehört, dass man als Zuschauer weder den Dirigenten noch die Musiker sieht. Eine etwa ein Meter hohe Wulst, eine Art Deckel über dem Orchestergraben verhindert jeden Blickkontakt. Die Klänge scheinen wie in einem Kino von irgendwo aus unsichtbaren Lautsprechern zu kommen. Um Hengelbrock auch nur ansatzweise zu sehen, muss man sich ganz an der Seite auf diese Wulst legen. Dann sieht man zumindest einen Teil des aus verschiedenen Spitzenensembles zusammengestückelten Festspielorchester. Das aber so homogen klingt wie eine seit Jahrzehnten zusammenspielende Truppe. Alle Musiker sitzen in luftiger Freizeitkluft in ihrer heißen und von Lärm gepeinigten Höhle. Das wird sich auch bei den Vorführungen nicht ändern. Denn die Musiker werden nie sichtbar, eine Kleiderordnung gibt es nicht. Nur der Dirigent hat seinen Frack griffbereit, in den er für den Schlussapplaus schlüpft.

Während Hengelbrock schweigt, gibt sich, ein paar Wochen früher, Andris Nelsons umso auskunftsfreudiger. Nelsons ist Lette und einer der begehrtesten Jungdirigenten. Ein sympathischer Kumpeltyp, dessen Englisch so vergnügt tanzt wie seine Augen. Letztes Jahr war er erstmals in Bayreuth, hat den "Lohengrin" herausgebracht. Was das wichtigste beim Dirigieren sei? "Not to disturb music."

Sein Lachen ist breit, funkelnd, mitreißend. Bald kommt Nelsons auf Bayreuth zu sprechen, das Neulinge vor Herausforderungen stellt, die sie nicht immer in den Griff bekommen. Doch Nelsons hatte von den Bayreuth-Veteranen Daniel Barenboim und Christian Thielemann unschätzbare Tipps bekommen. Wegen der enormen Lautstärke im tief unter die Bühne reichenden Orchestergraben hört der Dirigent kaum, was auf der Bühne gesungen wird. Bedingt durch die Architektur muss er zudem mit dem Schlag immer früher dran sein als die Sänger. Das ist anstrengend. Aber, meint Nelsons, man müsse nur seinem Instinkt folgen, dann würde das schon funktionieren. Warum? Das sei ihm ein Rätsel. Nelsons vermutet Magie am Werk und den Geist Richard Wagners. "Wenn man das kontrollieren will", sagt er, "oder darüber nachdenkt, dann geht es nicht."

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