Sprachlabor:Fröhlich oder froh?

Sprachlabor: SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Sowie: Das höchst Seltsame an "Hanks' Charakter" - und wie sich Politiker "am Ende des Tages" lächerlich machen.

Von Hermann Unterstöger

EIN WEIHNACHTSRÄTSEL legt Leserin Z.-Z. vor, und wir sollten es lösen, bevor das nächste Weihnachtsfest ansteht. Wieso man, fragt sie, in jüngster Zeit so oft auf "Frohe" statt auf "Fröhliche Weihnachten" stoße, wo doch die Bezeichnung "froh" eher dem Osterfest zukomme? Wir wollen uns nicht in den theologischen Gehalt der beiden Feste vertiefen und daraus Schlüsse auf das womöglich angemessene Adjektiv ziehen. Es lehrt aber ein Blick in alte Bücher, dass "Frohe Weihnachten" lang schon gängig war. So zum Beispiel beginnt Adolfine von Reichlin-Meldegg (1839 bis 1907) ihren "Weihnachts-Gruß eines Münchnerkindl" von 1891 mit dieser Anrede und vertieft den Gruß dahingehend, dass Weihnachten "die froheste" Zeit im Jahr sei.

"CHARACTER" ist für Grimm "ein dem ohr des volks seltsam lautendes wort", und da Leser B. dem Volk angehört, lautet es auch für ihn manchmal seltsam. Zum letzten Mal widerfuhr ihm dies, als er las, dass ein Mädchen "von Hanks' Charakter" zu Verwandten gebracht worden sei. Gemeint war damit der von Tom Hanks in "Neues aus der Welt" gespielte Captain Kidd, der in dreifacher Hinsicht ein Charakter ist: zum einen, weil er sich um die von den Kiowas geraubte Johanna kümmert, zum anderen, weil eine Filmfigur im Englischen character genannt wird, und zum Dritten, weil man Kidds Rang früher auch als Charakter bezeichnet hätte: "Charakter als Major" (Goethe, Lehrjahre). Für B. ist "Hanks' Charakter" ein weiterer Beleg für die Unart, Begriffe "scheinbar einfach, aber eben falsch, wortwörtlich aus dem Englischen ins Deutsche zu übernehmen", statt sie wirklich zu übersetzen. Er hat sich darüber schon öfter beklagt, etwa wenn to mean mit meinen statt bedeuten wiedergegeben wird oder wenn aus at the end of the day statt letztlich oder schlussendlich das zur Lieblingsfloskel der Politiker aufgestiegene am Ende des Tages wird, dessen Lächerlichkeit sich erweist, wenn man es durch abends ersetzt. Freilich kommt die Rolle als Charakter auch schon bei Goethe vor, zum Beispiel wenn er an Zelter schreibt, La Roche reüssiere "in dem, was man mittlere, halb- und ganz komische Charaktere nennt".

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