Sprachlabor:Neu: die Sichtreibe

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(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Ferner: Warum weniger manchmal mehr wäre.

Von Hermann Unterstöger

ES GIBT das Sichtgut, das Sichtkorn und die Sichtwelle. Was aber hat es mit der Sichtreibe auf sich, die Leserin H. in ihrer Ratlosigkeit mit der Kartoffel- oder der Käsereibe in Verbindung bringt? Sie war auf das rätselhafte Gerät im Streiflicht gestoßen, wo von den "Zeiten des Sichtreibenlassens" die Rede war. Natürlich hätte das etwas gesuchte Wort in Sich-treibenlassen getrennt werden müssen. Es war, wie Go-ebbels, Marke-nimage, Stur-zacker und Rat-strinkstube, Opfer jener Trennprogramme, deren oft wirres Wirken händisch verhindert werden müsste. Leider geschieht dies nicht immer, und es ist ein reines Wunder, dass die SZ nicht schon längst von Annalena Ba-erbock, der zurzeit Hauptbetroffenen, einbestellt wurde.

TEXTE ZUM PLEONASMUS operieren gern mit der Wendung "Das habe ich mit eigenen Augen gesehen", bei der man gewissermaßen mit eigenen Händen greifen kann, was unter Pleonasmus gemeinhin verstanden wird: semantische Redundanz, Wortreichtum ohne Informationsgewinn. Wie alles auf der Welt hat freilich auch der Pleonasmus seine zwei Seiten, indem ihn schon die alten Rhetoriker entweder als Redeschmuck (ornatus) oder als Fehler (vitium) einstuften. Zwei solcher Redundanzen zeigen unsere Leser J. und Dr. B. an, wobei der Titel "Beckmesser", den Herr J. sich selbst zulegt, eine völlig grundlose Selbstgeißelung ist. Sein Beispiel handelt davon, dass ein vermummter Mann "mit großer Wahrscheinlichkeit Drach sein könnte". Es leidet darunter, dass der Autor der wörtlich ausgedrückten Wahrscheinlichkeit nicht über den Weg traute, weswegen er zu deren Verstärkung den Konjunktiv "könnte" nachschob. Im zweiten Beispiel gesteht ein Angeklagter, seine "Freundin gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben". Hier findet ebenfalls eine Verdoppelung statt, was Herrn Dr. B. den kuriosen Gedanken eingibt, "gegen seinen Willen gezwungen zu werden" suggeriere zumindest sprachlich Einvernehmlichkeit. Diese Idee lässt er freilich gleich wieder fallen, denn "so wie auch bei komplizierten Beziehungen ergibt halt auch sprachlich Minus und Minus nicht immer Plus".

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