Sprachlabor:Ewig pünktlich

Sprachlabor: SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

SZ-Zeichnung: Luis Murschetz

(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Ferner: Die Litotes bei Hartmann von Aue und der SZ

Von Hermann Unterstöger

GEWALTIG IST HIN UND WIEDER der Aufwand, den Freunde des Sprachlabors bei der Präsentation der von ihnen gefundenen Fehlgriffe betreiben. Unser Leser Dr. W. zum Beispiel monierte einerseits Ärgernisse wie die falsche Verwendung von scheinbar und Schludereien wie nicht sahnend statt nichts ahnend, andererseits holte er bei seiner Kritik an der "hochwertigen Einleitung" eines Satzes mit "wenig" so weit aus, dass einem fast die Luft wegblieb. Der lange Satz lautete verkürzt so: "Wenig hat ihn darauf vorbereitet, im Zentrum eines Rechtsstreits zu stehen, der usw." Herr W. entlarvte das als Litotes und erinnerte daran, dass schon Hartmann von Aue dieses Stilmittel der Untertreibung verwendet habe. Dadurch habe es Eingang in Thomas Manns "Erwählten" gefunden ("Wenig, würde ein Dichter sagen, vergaßen sie da ihrer Schwerter") und von da aus in den Kommentarband der Frankfurter Ausgabe. Dem ist nichts hinzuzufügen außer dem Hinweis, dass es sich dabei um den Stellenkommentar handelt, der auf Seite 357 ganz unten zu finden ist.

MIT WEIT WENIGER AUFWAND kam Leserin W. aus, als sie die Stelle "ein Viertel der Klientinnen sind Frauen" unter die Lupe nahm. Sie fragte nur: "Und die anderen drei Viertel?", verband das aber mit der Vermutung, dass an dieser Stelle der Genderstern einmal gut hätte zeigen können, wofür er steht und was er will.

EINE SPITZFINDIGKEIT kommt von Leser W. Er wüsste gern, wie lange man bei einem Rückgang der Pünktlichkeit, etwa bei der Bahn, noch von Pünktlichkeit reden könne - bei der Jungfräulichkeit und der Ewigkeit gebe es ja "auch keine graduellen Abstufungen". Wenn wir die Jungfräulichkeit mal außer Acht lassen, so gibt es, um Herrn W. leicht spitzfindig zu parieren, sehr wohl "eine halbe Ewigkeit", jedenfalls umgangssprachlich. Was aber die Pünktlichkeit angeht, so liegen laut Ferdinand Schleichers "Taschenbuch für Bauingenieure" im Landverkehr Verspätungen von fünf bis zehn Minuten "noch im Rahmen der ausreichenden Pünktlichkeit". Das Buch ist von 1943, und man kann sagen, dass es zumindest in diesem Punkt bis heute bestehen kann.

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