bedeckt München 14°

Kleidung aus Plastikmüll:"Mode ist Teil der Lösung"

Inspiriert von der Natur: Designer Antonin Tron.

(Foto: Atlein)

Stoffe aus Lagerbeständen, Plastik aus dem Meer: Der Pariser Designer Antonin Tron entwickelt Textilien aus Recycling-Material.

Von Katharina Wetzel

Der Atlantische Ozean ist für den französischen Designer und leidenschaftlichen Surfer Antonin Tron immer wieder eine Inspirationsquelle. In seiner Kollektion finden sich fluid fallende Raffungen, sich um den Körper schmiegender Jersey und Kleider, die viel Bewegungsfreiheit zulassen. Der Atlantik ist für Tron aber auch ganz konkret eine Fundgrube für neue Materialien. Denn Tron verwendet für seine Kollektion Atlein Fasern des spanischen Unternehmens Seaqual, die aus Meeresplastik gewonnen werden. Auch andere Recyclingfasern kommen bei Atlein zum Einsatz. Das Label, das der 37-Jährige 2016 zusammen mit seiner Partnerin Gabriele Forte gründete, will möglichst umweltfreundlich produzieren.

Während des Lockdowns im vergangenen Jahr verbrachte Tron viel Zeit bei seinen Eltern, die auf der Îl de Ré, einer Insel an der französischen Atlantikküste, leben. Dabei entwickelte er neue Textilien für seine Atlein-Kollektion. Bereits mit seiner Debutkollektion gewann Tron den französischen ANDAM-Preis (Association Nationale de Développement des Arts de la Mode). Die Firma beschäftigt fünf Mitarbeiter und produziert in Portugal und Italien.

SZ: Als Designer arbeiteten Sie für Modehäuser wie Louis Vuitton, Givenchy und Balenciaga. Warum haben Sie Ihr eigenes Label gegründet?

Antonin Tron: Es war für mich sehr wichtig, mein eigenes Modehaus zu gründen, eines, das respektvoll mit der Umwelt umgeht. Der Name Atlein nimmt Bezug auf den Atlantischen Ozean, es ist eine Ode an die Natur. Ich surfe gerne und liebe Wassersport. Atlein ist auch die Idee von etwas sehr Athletischem.

Sie legen Wert auf eine umweltfreundliche Produktion. Ist Atlein ein nachhaltiges Label?

Ich sage nicht, dass Atlein ein nachhaltiges Label ist. Denn von dem Moment an, an dem wir Dinge kreieren, nehmen wir einen Einfluss auf die Umwelt. Wir suchen aber nach Wegen, um Mode in einer möglichst verantwortungsvollen Art zu erschaffen.

Zum Beispiel?

Als ich das Label gegründet habe, verwandte ich nur Stoffe aus Lagerbeständen, die ich in Italien und Frankreich gefunden habe. Die ersten zwei Kollektionen waren komplett upgecycelt. 2018 begann ich bereits mit der Entwicklung nachhaltiger Stoffe und führte Materialien ein, die wir nun weiterverwenden. Wie etwa veganes Leder, ein kompakter Jersey mit einer natürlichen Indigobeschichtung, und recycelten Twill - zu 100 Prozent aus recycelten Plastikflaschen gewonnen. Für die aktuelle Kollektion haben wir eine Reihe recycelter Stoffe entwickelt, wie gedruckten Recycling-Jersey, Recycling-Polyester, Recycling-Sport-Jersey und recycelten Nylon für Oberbekleidung. Bemerkenswert ist auch die Entwicklung von gecrashtem Jersey aus einem recycelten Polyester. Die wichtigste Einführung dieser Saison ist eine neue Seaqual-Faser. Das Seaqual-Garn ist ein hoch qualitatives, recyceltes Polyestergarn, das upgecyceltes Plastik aus dem Ozean enthält.

Wie sind Sie als junges Label im vergangenen Jahr durch die Pandemie gekommen?

Das war sehr hart. Wir haben eine Pause eingelegt und keine Kollektion für Frühjahr/Sommer 2021 produziert. Dadurch hatte ich die Zeit, diese neuen Textilien zu entwickeln, was ich schon immer wollte. Nun können wir Kleider entwerfen, die zu 100 Prozent aus Seaqual-Fasern bestehen. Die Pandemie gab mir die Möglichkeit, den Betrieb auf ein gesünderes System umzustellen.

Wie groß ist der Anteil recycelter Materialien in Ihrer Kollektion?

Etwa 60 Prozent der Kollektion besteht aus recyceltem Material.

Sie verwenden viel Jersey in Ihrer Kollektion. Warum?

Es geht immer um Fluidität. Ich benutze so viel Jersey, weil es dehnbar ist. Es engt den Körper nicht ein. Bewegung und Freiheit sind wichtig.

Erhalten Sie bessere Finanzierungskonditionen, da Sie nachhaltig produzieren?

Nein, meine Partnerin und ich finanzieren die Firma aus eigenem Kapital und dem Cash Flow. Die neue Kollektion entstand mit einem sehr kleinen Budget.

Glauben Sie, dass das Umweltbewusstsein steigt?

Ja, wir brauchen einen Systemwandel. Viele Menschen werden im Moment tätig und denken über neue Wege nach, um eine Weiterentwicklung zu erzielen. Mit Atlein versuchen wir ein neues Modehaus für diese neue Welt zu schaffen.

Die Textilbranche hat ja nicht nur Nachhaltigkeit im Sinn. Kann Mode die Welt verändern?

Wir sind am Beginn einer Revolution. Mode war immer Teil großer sozialer Veränderungen. Mode ist Teil des Problems. Und Mode ist Teil der Lösung. Die Revolution muss schön sein. Wir werden nicht in einer Höhle leben.

Können Sie der Corona-Krise etwas Positives abgewinnen?

Die Corona-Krise hat Versäumnisse und Fehler im System offengelegt. Und gezeigt, dass wir diese angehen müssen, wenn wir Fortschritte erzielen wollen.

© SZ/mai
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema