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Entwicklungsprojekt:Das Dorf der Glücklichen

Klares Wasser und viel Natur, damit wirbt der Ort Fluminimaggiore um neue Einwohner aus ganz Europa. Sie sollen hier ihren Ruhestand verbringen und somit den Jungen im Ort Arbeit beschaffen.

(Foto: Riccardo Atzo/Mauritius images)

Der sardische Ort Fluminimaggiore lockt Ruheständler aus ganz Europa mit klarer Luft, schönen Häuser weiten Stränden.

Von Helmut Luther

Als Journalist, der bis zu seiner Pensionierung für große italienische Tageszeitungen und das Fernsehen gearbeitet hat, ist Marco Corrias ein eloquenter Typ. Weil er auch um die Wirksamkeit der Bilder weiß, hat Corrias Buggerru als Treffpunkt vorgeschlagen. Dorthin sind es von Fluminimaggiore fünf Autominuten. Man fährt ein schilfumsäumtes Flüsschen entlang, vorbei an rostigen Kränen und Förderbändern eines aufgelassenen Bergwerks, an Felsklippen, steinigen Hängen und Macchia, wo grasende Ziegen herumturnen. Dann sitzt man auf einer Restaurantterrasse, rechts glitzert das Tyrrhenische Meer, links erstreckt sich ein Hunderte Meter langer Sandstrand, wo ein paar Besucher, die Schuhe in der Hand, spazieren, ansonsten herrscht Leere. Auf Empfehlung von Corrias hat man Fregola bestellt, Hartweizengrieß-Kügelchen mit Meeresfrüchten, dazu gibt es lokalen Weißwein. Beim Caffè mit Blick auf die blaue Weite fragt Corrias: "Könnest du dir vorstellen, hier deinen Lebensabend zu verbringen?"

Im Ort stehen 400 Häuser leer

Nach einem Berufsleben in Mailand und Rom ist Marco Corrias vor einigen Jahren in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Er wurde Bürgermeister des 3000-Einwohner-Städtchens im Südwesten Sardiniens und lancierte zusammen mit Mitstreitern das Projekt "Happy Village". Immer wieder war Corrias nach Fluminimaggiore gekommen, jedes Mal reiste er deprimiert wieder ab. Es ist das bekannte Lied: Aus Perspektivlosigkeit ziehen die Jungen weg, ein Trend, der durch die Schließung der letzten Bergwerke, wo man Zink, Blei und Kadmium abbaute, verstärkt wurde. "Wir haben eine Bestandsaufnahme gemacht und mehr als 400 leere Häuser gezählt", sagt Corrias. Er sitzt inzwischen in seinem Büro im Gemeindehaus an der Via Vittorio Emanuele, an der Wand hinter dem Schreibtisch hängen ein Kruzifix sowie ein Bild des Staatspräsidenten Sergio Mattarella.

Zur Bestandsaufnahme gehörte aber auch, sich die Stärken Fluminimaggiores vor Augen zu halten: eine intakte Natur, antike Ruinen, das Meer, Berge mit Wanderwegen, Bauern, die ihre eigenen Produkte verkaufen, hochwertigen Käse etwa oder seltene Gemüsesorten. "Wir haben hier alles, in knapp anderthalb Stunden ist man am Flughafen in Cagliari", sagt Corrias. Warum also sollte der Ort mit all seinen Vorzügen nicht wohlhabende Rentner anziehen? Das fragten sich der Bürgermeister und seine Unterstützer und gründeten die Genossenschaft Happy Village. Auch ein Geldgeber konnte ausfindig gemacht werden. "Ab etwa 1500 Euro im Monat bekommen künftige Bewohner ein renoviertes Haus mit ärztlicher Grundversorgung, für die Reinigung wird gesorgt, falls gewünscht, gibt es auch einen Lieferservice für das Essen." Darüber hinaus denke man an Abonnements für Kulturveranstaltungen mit Shuttledienst, sagt Corrias.

Die Begeisterung unter den Dorfbewohnern ist groß

"Als wir mit unserem Projekt auf der ersten Seite des renommierten Wirtschaftsblattes Il sole 24 Ore landeten, rollte eine Lawine von Nachfragen an", sagt Corrias. Einige potenzielle Neubewohner seien bereits im Ort gewesen, um die frisch renovierten Häuser in Augenschein zu nehmen, erzählt der Bürgermeister. Der Glaube und die Begeisterung unter den Mitbürgern seien groß. Am besten, man unternehme eine gemeinsame Inspektionsrunde.

Jugendsünde oder Kunst? Zahlreiche Graffiti zieren die Mauern in Fluminimaggiore, und eines dieser Werke hat der jetzige Bürgermeister als junger Mann selbst gemacht. Das brachte ihm damals einen Besuch bei den Carabinieri ein.

(Foto: imago)

Allerdings kommt man nur langsam voran, wenn man in Begleitung von Marco Corrias durch Fluminimaggiore spaziert. Da ist der Gärtner an der Via Regina Margherita, der vom Bürgermeister wissen will, was mit dem Holz des zersägten Baumes geschehen soll, der gestern eine Zufahrt blockierte. Oder der Bioproduzent, der dem Dorfpfarrer Don Gianfranco im Beisein des Bürgermeisters eine Lebensmittelkiste zur Verteilung an die Armen überreicht. Ein paar Meter unterhalb der Kirche geht es an einer bröckelnden Wandmalerei vorbei. Corrias deutet auf einen roten Partisanenstern sowie das Abbild des bärtigen Revolutionärs Che Guevara: "Eine Jugendsünde!" Nach Vollendung dieses Werkes verbrachten der heutige Bürgermeister und seine Kumpel einen Nachmittag auf der Carabinieri-Station. "Man beschuldigte uns der Unruhestiftung."

Es scheint ein Zufall zu sein, dass auf der Via Roma gerade eine schwarze Limousine angerollt kommt - ein krasser Gegensatz zu den ortsüblichen Fiats oder Dreiradrollern. Im Wagen sitzen Letizia und Renzo Tiziani, ein Rentnerehepaar aus Bozen, das sich vor einigen Jahren in Fluminimaggiore ein Haus gekauft hat. Der Bürgermeister lädt zu einem Glas Wein ein. "Als wir das Haus kaufen wollten, protestierten unsere Kinder", erzählt Renzo, dessen braune Gesichtsfarbe auf viele auf der Sonnenterrasse verbrachte Stunden schließen lässt. Der Widerstand der Kinder habe sich nach einigen Besuchen gelegt, ergänzt Letizia. "Seit September, als es wieder losging mit den von Corona bedingten Ausgangsbeschränkungen, sind wir ohne Unterbrechung hier. Die Kinder raten davon ab, nach Bozen zu kommen." Renzo muss lachen, wenn er sich vor Augen hält, wie er damals, kurz vor dem Hauskauf, beim lokalen Carabinieri-Kommandanten war: aus Sorge um die Sicherheit. "Als ich den Maresciallo fragte, ob er mir eine Pistole besorgen könne, hat er mich mit großen Augen angeschaut. Dann erzählte er von ganzen sieben Anzeigen, die er im vergangenen Jahr habe aufnehmen müssen: Vier Mal ging es um Handys, die während eines Festes verloren gegangen waren - und später wieder auftauchten."

Die Dorfbewohner sperren ihre Haustüren nicht ab

Die Tizianis leben heute in Fluminimaggiore ohne Waffe und Alarmanlage. Ihnen fiel auf, dass die Nachbarn, wenn sie ihr Haus verlassen, die Tür nicht absperren. So an die lokalen Gepflogenheiten angepasst seien sie selbst noch nicht, erklären Letizia und Renzo, wobei ihr Grinsen verrät, dass eine Entwicklung in diese Richtung nicht auszuschließen ist. Rundum begeistert, wie das Ehepaar sich gibt, drängt sich ein Gedanke auf: Man hat sich doch nicht heimlich abgesprochen? "Gute Idee", meint dazu Marco Corrias. "Kann ich künftig Interessierte zu euch schicken, wenn sie Erkundigungen über das Projekt Happy Village einziehen möchten?" Letizia und Renzo nicken: "Je nachdem, was dabei für uns herausschaut!" Es hört sich so an, als wäre man glücklich in diesem Dorf.

© SZ
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