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Ausbildung:Erst mal etwas Handfestes

Warum lohnt es sich, nach dem Abitur nicht gleich zu studieren, sondern erst eine Berufsausbildung zu beginnen? Erst danach sind sich viele im Klaren, was sie studieren wollen. Aber noch mehr Gründe sprechen für diesen Weg.

Von Rebekka Gottl

Die Wochen und Monate vor dem Schulabschluss sind für Abiturienten sowohl lernintensiv als auch zukunftsweisend. Denn die Schülerinnen und Schüler bereiten sich nicht nur auf die Prüfungen vor, sondern viele von ihnen machen sich parallel dazu Gedanken darüber, wie ihr Bildungsweg nach dem Abi aussehen soll. Aufgrund der zahlreichen Wahlmöglichkeiten gilt es, sich zunächst ein Bild von den verschiedenen Berufsfeldern und Ausbildungsarten zu machen. Interessentests sowie geschulte Berufsberater können Unentschlossenen dabei helfen, sich für eine duale beziehungsweise schulische Berufsausbildung oder ein Studium zu entscheiden.

"Wer sich für eine Berufsausbildung interessiert, wird sich unter den Angeboten mit Sicherheit gut zurechtfinden", sagt Mario Greiner von der Agentur für Arbeit in Gotha. "Das breite Spektrum an Studiengängen ist dagegen eher unübersichtlich." Grund dafür ist die Anzahl der jeweiligen Angebote. Während das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im vergangenen Jahr von deutschlandweit 325 anerkannten Ausbildungsberufen in Industrie und Handwerk, im öffentlichen Dienst, der Landwirtschaft und in Freien Berufen ausgegangen ist, listet das Informationsportal Hochschulkompass circa 11 000 grundständige Studiengänge auf, die mit einem Bachelor oder Staatsexamen abschließen. Die meisten dieser Studienfächer sind theoretisch ausgerichtet, Einblicke in Unternehmen erlangen die Studierenden lediglich durch freiwillige Praktika. Anders in der dualen Berufsausbildung. "Die Auszubildenden sind in konkrete Prozesse integriert und bekommen den Arbeitsalltag hautnah mit", sagt Greiner.

Bei Problemen seien sie zudem selbst gefragt und können so praktische Erfahrungen sammeln. Dieser Praxisbezug kommt den Auszubildenden nicht nur in einem anschließenden Studium zugute, sondern kann ihnen auch im Berufsleben Türen öffnen. "Die meisten Arbeitgeber schätzen die Kombination aus beruflicher Erfahrung und wissenschaftlichen Qualifikationen bei Berufseinsteigern", sagt Angela Verse-Herrmann. Die Gründerin des Instituts für Bildungs- und Wissenschaftsdienste (IBW) berät Abiturienten in Fragen der Studien- und Berufswahl. Wer vor dem Studium eine zwei- bis dreijährige Ausbildung absolviert hat, so Verse-Herrmann, verfügt bereits über ein großes Netzwerk in der Branche und hat daher vielversprechende Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Auch in die Ausbildung lässt sich ein Auslandsaufenthalt integrieren

Im Vergleich zu ihren Kommilitonen, die direkt aus der Schule an die Universität oder Fachhochschule kommen, sind viele junge Menschen, die eine Ausbildung abgeschlossen haben, reifer und selbständiger. Sie studieren zielorientierter, können sich schnell in das jeweilige Fach einfinden und haben den Abschluss meist nach der Regelstudienzeit in der Tasche, fasst die Berufsberaterin ihre Beobachtungen zusammen. "Der direkte Sprung vom Schüler zum Studenten hingegen ist nicht risikofrei."

Viele Abiturienten ziehen nach dem Schulabschluss in größere Universitätsstädte und beginnen den neuen Lebensabschnitt weit weg von ihren Familien und Freunden. Passende Ausbildungsbetriebe findet man dagegen auch heimatnah. Auf Auslandsaufenthalte müssen Auszubildende trotzdem nicht verzichten, denn Arbeitseinsätze an Standorten außerhalb Deutschlands sind nicht nur in der Hotellerie und bei Logistikunternehmen fest in die Ausbildung integriert. Selbst kleinere Betriebe bieten mittlerweile die Möglichkeit, einige Wochen im Ausland zu verbringen. Und nach der Lehre sind die Auszubildenden ebenfalls nicht an den Standort des Betriebs gebunden, sondern können im Laufe ihrer Karriere problemlos sowohl das Unternehmen als auch das Bundesland wechseln.

Einen Beruf zu erlernen kann auch sinnvoll sein, um Wartesemester zu überbrücken

Oftmals spielen auch finanzielle Gründe eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für eine Berufsausbildung. Letztere empfiehlt Mario Greiner von der Agentur für Arbeit etwa denjenigen, die diesbezüglich Wert auf Unabhängigkeit legen. "Viele Unternehmen vergüten nicht nur die Ausbildung, sondern unterstützen ihre Auszubildenden auch beim Start ins anschließende Studium, indem sie einen Teil der Semestergebühren übernehmen", sagt er. Wenn es darum geht, Wartesemester zu überbrücken, lohnt sich eine dem Wunschstudienfach ähnliche Berufsausbildung ebenfalls. Wer sich für ein Jurastudium interessiert, kann die Branche beispielsweise als Rechtsanwaltsfachangestellter kennenlernen. Viele Architekturstudierende haben ihren Weg an die Hochschule über eine Ausbildung zum Bauzeichner gefunden. Und wer den für das Medizinstudium geforderten Notendurchschnitt nicht vorweisen kann, dem stehen zahlreiche Ausbildungen im Gesundheitssektor offen. "Wenn alle Stricke reißen und es mit dem Studium nicht wie geplant klappt, hat man mit einer Ausbildung einen berufsqualifizierenden Abschluss, auf den man aufbauen kann", sagt Angela Verse-Herrmann. Etwa mit einer Weiterbildung zum Techniker oder Meister.

Letztlich ist die Entscheidung für oder gegen eine Berufsausbildung unmittelbar nach dem Abitur von der persönlichen Zielsetzung abhängig. "Das Lernen ist mit dem Schulabschluss auf jeden Fall nicht vorbei", sagt Mario Greiner. "Dann haben wir jedoch die Freiheit, zu wählen, in welcher Form wir uns Wissen aneignen."

© SZ/ssc
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