Zukunft der Arbeit Immer weniger Arbeitnehmer betroffen

Auf den zweiten Blick relativieren sich solche Erfolge jedoch. Die schönste Jubelmeldung nutzt ja wenig, wenn sie immer weniger Arbeitnehmer betrifft. Vor anderthalb Jahrzehnten galten Branchentarifverträge noch für 70 Prozent der Beschäftigten im Westen und für immerhin 56 Prozent im Osten. Seitdem ist die Quote Jahr für Jahr gesunken: auf 56 Prozent im Westen und sogar nur 37 Prozent im Osten. Ja, es gibt Unternehmen, die treten zwar aus der Tarifgemeinschaft aus, zahlen ihren Mitarbeitern aber trotzdem weiterhin Tariflöhne. Das sind diejenigen Unternehmen, die um alles in der Welt flexibel bleiben wollen, die auch allen Öffnungsklauseln misstrauen, die es längst in Tarifverträgen gibt, und die sich beim nächsten Umsatzeinbruch nicht erst mit Gewerkschaften herumplagen wollen. Das ist die eine Gruppe der Tarifverweigerer.

Die andere besteht aus Firmen, die relativ kalt kalkulieren: Nur wenig Beschäftigte pro Betrieb? Und die meisten von ihnen nicht sonderlich qualifiziert? Vielleicht auch noch viele Frauen darunter sowie Teilzeitkräfte? In solchen Milieus sind die Beschäftigten nur selten Mitglieder von Gewerkschaften, und auch jede Werbekampagne von denen liefe mit ziemlicher Sicherheit ins Leere. Die Firmen zahlen schlecht, weil sie meinen, sich das leisten zu können.

Was folgt daraus für Gewerkschaften? Im Fall der Friseure, Schlachthofarbeiter oder Call-Center-Beschäftigten vermutlich nicht allzu viel. Parteien brauchen Wähler, Kirchen brauchen Gläubige, Gewerkschaften aber Mitglieder. So sagt es Frank Bsirske immer, der Chef von Verdi. Der eine oder die andere aus den drei genannten oder ähnlichen Berufsgruppen wird sich gewinnen lassen, zum Beispiel mit dem Argument, dass man als Mitglied automatisch Rechtsschutz hat; die Masse aber nicht.

Löhne, von denen man leben kann, ohne dass der Staat den Job mittels Hartz-IV-Zahlungen subventionieren muss - die wird es in solchen Branchen wohl nur geben, wenn der Staat sich eines Tages zur Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohns entschließt. Gewerkschaftern fehlt dort de facto für Tarifrunden das Verhandlungsmandat. Wenn sie etwas bewirken wollen, müssen sie die Rolle von Lobbyisten übernehmen - was so aussichtslos ja nicht sein muss: Sollte Rot-Grün in zwei Jahren im Bund regieren, dürfte die Einführung eines solchen Mindestlohns gewiss sein; möglicherweise ist die Zeit dazu inzwischen sogar so reif, dass sich jede Koalition, der nicht die FDP angehört, dazu entschlösse.

In den anderen Branchen mag Mitgliederstärke noch kein Garant für Erfolg sein; Mitgliederschwäche aber ist in jedem Fall ein Garant für Misserfolg. Die acht DGB-Gewerkschaften haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast die Hälfte ihrer Mitglieder verloren: 11,8 Millionen waren es 1991, nur noch 6,2 Millionen Ende 2010. Die meisten Organisationen haben den Abwärtstrend jedoch mittlerweile gestoppt.