SZ-Forum: Zukunft der Arbeit:Antrainierte Unkonzentriertheit

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Kindern wird schon früh antrainiert, vieles gleichzeitig im Blick zu haben. Eine amerikanische Studie habe ergeben, dass sich acht bis 18-Jährige im Schnitt zehn Stunden und 45 Minuten täglich mit Medien beschäftigen, sagt Spitzer. Weil sie dabei viele Medien parallel benutzen, erledigen sie das in einer Netto-Zeit von siebeneinhalb Stunden. Der Psychiater rät dazu, Computer aus Schulen zu verbannen. "Wer lernen und kreativ sein will, der muss die Dinge selbst in die Hand nehmen, sie anfassen", sagt er.

Lazaridis, President and Co-CEO of Research In Motion poses with the new 'Blackberry Bold 9700' handset during its launch in Bochum

Ohne Blackberry oder Smartphone geht gar nichts mehr. Zumindest glauben wir das.

(Foto: Reuters)

Die Gefahr, dass eine schnelllebigen Gesellschaft weniger kreativ ist, sieht auch Soziologe Rosa: "Je schneller Innovationen kommen müssen, desto phantasieloser werden sie. Es ist falsch, dass wir die Ausbildung zum Abrichtungsprozess machen und ständig versuchen, krumme Wege zu begradigen."

Doch wie finden wir wieder die Muße für phantasievolle Ideen? "Hier ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Ich selbst weiß doch am besten, wie viel Spannung und Entspannung ich brauche", sagt Sibylle Haas, Arbeitsmarkt-Expertin der Süddeutschen Zeitung. Der Einzelne müsse sich selbst seine Ruhezeiten schaffen: "Wir haben doch die Wahl, das Diensthandy am Wochenende auszuschalten oder nach Feierabend die Arbeit sein zu lassen." Wie stark unsere Mobilität zur Belastung wird, könne jeder selbst entscheiden, sagt auch Psychologin Justen-Horsten. "Wir müssen dafür nur lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen."

Soziologe Rosa widerspricht: "Wir sind nicht die Entscheider, denn uns treibt unsere Angst vor Konsequenzen", sagt er. Ob und wann wir arbeiten, hätte schließlich auch Folgen für andere. "Wenn ich mich als Professor nicht nachts noch hinsetze und das Gutachten schreibe, für das vorher keine Zeit war, bekommt mein Doktorand vielleicht sein Stipendium nicht", sagt Rosa. Er plädiert dafür, mehr Zeiten zu schaffen, in denen alle frei haben und niemand erwartet, dass der andere erreichbar ist.

Doch solche Regeln können der Gesellschaft nicht einfach diktiert werden, warnt Politikberater Rürup, sie müssen Teil einer politischen Willensbildung sein. "Ich maße mir nicht an zu wissen, was die richtige gesellschaftliche Antwort auf den Verlust an Zeitkultur ist", sagt er. Beispielsweise hätten längere Öffnungszeiten ja gleichzeitig positive und negative Folgen, bedeuteten längere Arbeitszeiten, aber auch mehr Möglichkeiten für Einkäufer. "Welche Regeln wir in Zukunft brauchen, kann ich nicht sagen", sagt Rürup. "Es wird ein Weg von Trial und Error sein."

Die Diskussionsrunde wird in der Sendung Denkzeit auf BR-alpha am 28. Mai um 22.30 Uhr ausgestrahlt.

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