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SZ-Forum: Zukunft der Arbeit:Mit dem Blackberry im Bett

Lesezeit: 3 min

Immer schneller, immer mehr: In der modernen Welt wird der Mensch zum Getriebenen. Die Kommunikationsflut macht es schwer genug, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Und wo ist die Zeit, die wir durch moderne Technologien eigentlich einsparen wollen?

Silke Bigalke

Fernbeziehungen, Dienstreisen, Laptops und Smartphones halten den Menschen ständig in Bewegung. Wohin auch immer er reist, die Arbeit kommt mit. Uneingeschränkt arbeiten zu können, das ist Fluch und Segen zugleich: "Die neuen Technologien haben ein Janusgesicht. Zunächst bedeutete es große Freiheit, dass wir plötzlich auch von zu Hause aus arbeiten konnten", sagt der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup in der Diskussionsrunde von Bayerischem Rundfunk und Süddeutscher Zeitung. "Das Problem ist aber, dass der Arbeitnehmer dadurch immer mehr zum Unternehmer seiner selbst wird, zum Getriebenen - durch den Chef, aber auch durch sich selbst."

Wir sind Getriebene, weil nicht nur alles immer schneller wird, sondern auch immer mehr, sagt Beschleunigungsforscher Hartmut Rosa. Der Soziologe lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und fragt sich, wo die Zeit geblieben ist, die wir durch schnellere Reisemittel oder Kommunikationskanäle einsparen. "Mit jeder neuen Technologie werden wir Opfer einer Selbsttäuschung", sagt er. "E-Mails sind zwar schneller als Briefe. Aber wir schreiben so viel mehr als früher, dass diese Mengensteigerung die Zeitersparnis überwiegt."

Durch neue Technologien gewinnt der Mensch ständig neue Möglichkeiten hinzu. "Das ist eine große Chance", so erlebt es Agnes Justen-Horsten, Psychotherapeutin vor allem für Menschen, die mobil leben. "Doch gleichzeitig wird es für uns immer schwerer, Entscheidungen zu treffen." Angesichts der großen Auswahl müsse der Mensch viele Chancen vorbei ziehen lassen. Das könne ihn sehr belasten: "Wir müssen ständig innerpsychisch rechtfertigen, warum wir uns so entschieden haben."

Ein natürlicher Reflex ist es daher, alle Möglichkeiten ausschöpfen zu wollen. Die Menschen versuchen, vieles gleichzeitig zu erledigen, bleiben abends länger im Büro und nehmen ihr Blackberry sogar mit ins Bett, um auch nachts nur nichts zu verpassen. Schlauer oder leistungsfähiger werden sie dadurch nicht, sagt Gehirnforscher Manfred Spitzer: "Das Gehirn lernt ständig. Wenn es alles auf einmal machen soll, dann lernt es, unkonzentriert zu sein." So entstehe ein Aufmerksamkeitsdefizit.

Antrainierte Unkonzentriertheit

Kindern wird schon früh antrainiert, vieles gleichzeitig im Blick zu haben. Eine amerikanische Studie habe ergeben, dass sich acht bis 18-Jährige im Schnitt zehn Stunden und 45 Minuten täglich mit Medien beschäftigen, sagt Spitzer. Weil sie dabei viele Medien parallel benutzen, erledigen sie das in einer Netto-Zeit von siebeneinhalb Stunden. Der Psychiater rät dazu, Computer aus Schulen zu verbannen. "Wer lernen und kreativ sein will, der muss die Dinge selbst in die Hand nehmen, sie anfassen", sagt er.

Die Gefahr, dass eine schnelllebigen Gesellschaft weniger kreativ ist, sieht auch Soziologe Rosa: "Je schneller Innovationen kommen müssen, desto phantasieloser werden sie. Es ist falsch, dass wir die Ausbildung zum Abrichtungsprozess machen und ständig versuchen, krumme Wege zu begradigen."

Doch wie finden wir wieder die Muße für phantasievolle Ideen? "Hier ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Ich selbst weiß doch am besten, wie viel Spannung und Entspannung ich brauche", sagt Sibylle Haas, Arbeitsmarkt-Expertin der Süddeutschen Zeitung. Der Einzelne müsse sich selbst seine Ruhezeiten schaffen: "Wir haben doch die Wahl, das Diensthandy am Wochenende auszuschalten oder nach Feierabend die Arbeit sein zu lassen." Wie stark unsere Mobilität zur Belastung wird, könne jeder selbst entscheiden, sagt auch Psychologin Justen-Horsten. "Wir müssen dafür nur lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen."

Soziologe Rosa widerspricht: "Wir sind nicht die Entscheider, denn uns treibt unsere Angst vor Konsequenzen", sagt er. Ob und wann wir arbeiten, hätte schließlich auch Folgen für andere. "Wenn ich mich als Professor nicht nachts noch hinsetze und das Gutachten schreibe, für das vorher keine Zeit war, bekommt mein Doktorand vielleicht sein Stipendium nicht", sagt Rosa. Er plädiert dafür, mehr Zeiten zu schaffen, in denen alle frei haben und niemand erwartet, dass der andere erreichbar ist.

Doch solche Regeln können der Gesellschaft nicht einfach diktiert werden, warnt Politikberater Rürup, sie müssen Teil einer politischen Willensbildung sein. "Ich maße mir nicht an zu wissen, was die richtige gesellschaftliche Antwort auf den Verlust an Zeitkultur ist", sagt er. Beispielsweise hätten längere Öffnungszeiten ja gleichzeitig positive und negative Folgen, bedeuteten längere Arbeitszeiten, aber auch mehr Möglichkeiten für Einkäufer. "Welche Regeln wir in Zukunft brauchen, kann ich nicht sagen", sagt Rürup. "Es wird ein Weg von Trial und Error sein."

Die Diskussionsrunde wird in der Sendung Denkzeit auf BR-alpha am 28. Mai um 22.30 Uhr ausgestrahlt.

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SZ vom 26.05.2011/holz
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