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Studentenproteste:Wir sind alle Kommilitonen

Das Studium ist überreguliert, das Denken verkümmert: Die Studenten müssen protestieren - aber sie dürfen nicht Bildungs- mit Sozialpolitik vermengen.

Es gab einmal eine Zeit, da wurde die Universität zum gesamtgesellschaftlichen Laboratorium ausgerufen. Was protestierende Studenten für sich forderten - das Niederreißen von Autoritäten, der Nulltarif in der Straßenbahn -, das sollte auch der Überwindung der Verhältnisse außerhalb der Bildungseinrichtungen dienen: im ganzen Land, ja auf der ganzen Welt. Aus dieser revolutionären Phase der sechziger und siebziger Jahre blieb in der Folgezeit eine Figur übrig: die Figur des engagierten Studentenvertreters.

Wenn in diesen Tagen engagierte Studenten gegen die Bologna-Reform aufbegehren, dürfen sie sich der Solidarität vieler Professoren gewiss sein.

(Foto: Foto: Reuters)

Wenn der Studentenvertreter in den vergangenen zwanzig Jahren in einer Universitätsversammlung auftrat oder Flugblätter verteilte, bekam er jedoch von der überwiegenden Mehrheit der Professoren wie der Studenten nur noch ein Kopfschütteln zurück. Denn sie sahen nicht mehr ein, was die Prüfungsordnung mit Nicaragua zu tun haben sollte, warum das wissenschaftliche Studium zum Kampf für alle Entrechteten dieser Welt umfunktioniert und das Verhältnis von Lehrer und Schüler zur reaktionären Ausbeutung erklärt werden sollte.

Das ändert sich jetzt wieder. Wenn in diesen Tagen engagierte Studenten gegen die Bologna-Reform an den Universitäten aufbegehren, gegen ein gehetztes, bürokratisiertes Studium mit Multiple-Choice-Tests, dann dürfen sie sich der Solidarität vieler Professoren und der übrigen Studenten gewiss sein. Alle sind jetzt wieder Kommilitonen, zu deutsch: Waffenbrüder.

Keiner hört mehr eine Vorlesung im Nachbarfach

Der Studentenvertreter hat sich selbst verändert: Er tritt nicht mehr mit Zigarette und Suhrkamp-Bändchen auf, sondern mit Coffee to go und WLAN. Vor allem aber sprechen die Studenten aus, was auch das akademische Personal in den letzten Jahren leidvoll erfahren musste: Das Studium ist überreguliert. Es lässt kaum Raum, die Allgemeinbildung nachzuholen, die auf dem Gymnasium zu kurz kam. Das kritische Denken verkümmert. Keiner hört mehr eine Vorlesung im Nachbarfach, einfach so, ohne dafür irgendwelche Punkte zu bekommen.

Aus der früheren Freiheit des Studierens - die in der Massenuniversität auch vielfach zum Schlendrian missbraucht wurde - haben wir nun umgekehrt eine Knechtschaft der Effizienz gemacht. Auf dem Lehrbuchmarkt erscheinen in ungekannter Zahl Einführungen. Für Ausführungen ist keine Zeit.

Ferner ärgern sich Dozenten und Studenten gemeinsam darüber, dass das Land mit temporären "Exzellenz"-Programmen überzogen wird, während man abseits dieser Fünfjahrespläne den Normalbetrieb vernachlässigt. Da darf wieder mal der Bund initiativreich glänzen, während die Länder für die Niederungen der Unterfinanzierung zuständig sind - leere Lehrstühle, zu volle Seminare, Missachtung des Mittelbaus, eine monströse Evaluationsmaschinerie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was nötig ist, um im Bündnis gegen Bologna wirklich etwas zu erreichen.

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Empörung schweißt zusammen

Wenn jetzt just diejenigen Bildungspolitiker wie Annette Schavan, die das Bologna-System durchgepeitscht haben, plötzlich für "Korrekturen der handwerklichen Fehler" plädieren, dann schweißt die Empörung darüber zusätzlich zusammen - in jenen fernen Zeiten der großen Revolte hätte man wohl von "repressiver Toleranz" gesprochen. Und auch die Studenten-Kritik an der "Ökonomisierung" verfängt neuerdings bei den Professoren: weniger, weil sie Angst vor dem Einfluss einer dämonisierten Wirtschaft auf die Wissenschaft haben, sondern weil sie unter dem Zwang zur Drittmittel-Einwerbung und der Managementsprache ihrer Universitätspräsidenten leiden, die ihre Uni als einen wichtigen Player unter lauter Leuchttürmen wieder mal gut aufgestellt sehen.

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Das Erbe der alten Schule

Es ist also - endlich - ein Bündnis von Lehrenden und Lernenden entstanden, das die Missstände des Studiums gemeinsam angreift. Indes werden die Möglichkeiten dieses Bündnisses durch ein entscheidendes Hindernis auf Seiten der Studentenvertreter gehemmt: nämlich durch eine Vermengung von Sozialpolitik und Bildungspolitik. Dies ist ein Erbe der Studentenvertretung alter Schule, welches den Widerstand gegen die Bologna-Reformen schwächt, nicht stärkt.

Denn der Protest gegen die - im internationalen Vergleich moderaten - Studiengebühren ist nicht nur ziemlich aussichtslos, er ist auch falsch. Warum soll ein Student, dem ein sozialer Aufstieg in Aussicht steht, nicht gut achtzig Euro pro Monat zahlen, wo nötig abgefedert durch Darlehen oder Stipendien? Warum sollte das Studium, das kein Anrecht, sondern ein Privileg ist, gratis sein, wenn für Krippen- und Kindergartenplätze erhebliche Summen zu zahlen sind? Und wie redlich ist es, Schüler zum "Bildungsstreik" hinzuzurufen, damit die Demonstrantenzahlen wachsen - und anschließend ein subventioniertes Mensaessen für zwei Euro zu verspeisen, während das Essen in den neuen Schul-Mensen oft 4,50 Euro kostet?

Provokation eines Kuhhandels

Nein, diese unglaubwürdige Verquickung mit dem Sozialen schadet der dringend nötigen Verbesserung der Studienbedingungen. So provoziert man nur einen Kuhhandel wie den, dass die Bundesbildungsministerin eine Bafög-Erhöhung ankündigt, um die Studentenproteste zu befrieden. Um aber im Bündnis gegen Bologna jetzt wirklich etwas zu erreichen, ist gefragt, was Professoren wie Studenten an der Universität immer weiter erschwert wird: Konzentration.