Soft Skills im Unterricht:"Über einen Verweis lachen die Schüler nur"

Wie der Soft-Skills-Unterricht aussehen soll, weiß Pennington genau. "Zuerst muss die Wahrnehmung trainiert werden. Wir sind zu sehr auf Konzentration gedrillt. Die weiche Aufmerksamkeit, die einen entspannten Überblick verschafft, fehlt." Am Anfang funktioniert das zum Beispiel über ein Spiel, in dem alle im Raum verteilt stehen und sich gegenseitig ein Kissen zuwerfen, das sie dann spontan auffangen müssen.

Defizite der Eltern

Danach gehe es darum, die eigenen mentalen, emotionalen und körperlichen Prozesse zu beobachten und steuern zu lernen. "Im Dialog wird geübt, konditionierte Reflexe zu stoppen. Bevor jemand eine Antwort gibt, soll er kurz innehalten und sich mindestens zwei weitere Optionen für seine Antwort überlegen", erklärt der Psychologe. So werde mentale Flexibilität geübt. Das Ziel ist schließlich eine gute emotionale Stabilität. Später sollen die Jugendlichen dann an ihrem Ausdruck arbeiten: Sprache, Mimik und Handeln.

Berit Heintz, Schulexpertin des DIHK hält derartige Seminare durchaus für sinnvoll. Allerdings ist auch sie überzeugt davon, dass Soft Skills in jedes Unterrichtsfach eingegliedert werden müssten. Und noch mehr als das. "Die Schule ist nicht allein für die mangelnden sozialen Kompetenzen von Jugendlichen verantwortlich. Die Entwicklung hat auch mit Erziehungsdefiziten der Eltern zu tun", sagt Heintz.

Die Eltern können es selbst nicht

Schulleiter Kraus sieht das genauso: "Die entscheidenden Prägungen, wie der würdevolle Umgang miteinander, müssen zu Hause gefestigt werden, die Schule spielt in der Erziehung nur eine nachrangige Rolle." Ein Vorwand, den Pennington nicht akzeptiert: "Die Eltern wissen heute meist selbst nicht, was Soft Skills sind. Deshalb sollten Lehrer speziell ausgebildet werden und ihre sozialen Fähigkeiten an die Kinder weitergeben", sagt er.

Den Bedarf an der Förderung von Soft Skills sieht auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands - und wünscht sich mehr Kompetenzen, um diese auch umzusetzen. "Im Moment haben wir kaum pädagogische oder disziplinarische Instrumente, um Verstöße gegen die Umgangsformen zu ahnden. Über Verweise lachen die Schüler nur, und viele Lehrer schrecken vor Maßnahmen zurück, um keinen Ärger mit den Eltern zu riskieren", sagt er.

Rasenmähen hilft

Anstatt Soft-Skill-Unterricht wünscht sich Kraus die Möglichkeit, Schüler, denen es an Teamgeist oder Einsatz mangelt, mit sozialen Arbeiten belegen zu können - und einen engagierten Einsatz aller Lehrer: "Fast alle beschweren sich über Flaschen im Unterricht oder Schüler mit Mützen auf dem Kopf, aber nur, wenn alle 80 Lehrer einer Schule das konsequent nicht durchgehen lassen, ändert sich das Verhalten der Jugendlichen."

Müsste Bernhard nach dreimaligem Zuspätkommen einen Nachmittag den Rasen der Schule mähen, wäre er in Zukunft vielleicht pünktlicher, so die Hoffnung. Bis das eintritt, greift Schulleiter Kraus an seinem Gymnasium zu anderen Mitteln. Parallel zum Tanzkurs für die zehnten Klassen wird seit neuestem ein Knigge-Kurs angeboten. Und der ist gutbesucht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB