Süddeutsche Zeitung

Soft Skills im Unterricht:Die Schule muss es richten

Unpünktlich, unmotiviert und verantwortungslos: Unternehmen beschweren sich über die mangelnde soziale Kompetenz ihrer Azubis. Müssen Lehrer vermitteln, was Eltern versäumt haben?

Maria Holzmüller

Donnerstagmorgen in einer Hauptschule irgendwo in Deutschland. Bernhard betritt wortlos das Klassenzimmer, schlendert mit einer Cola-Flasche in der Hand zu seinem Platz und setzt sich - eine halbe Stunde zu spät. Als sein Lehrer eine Erklärung verlangt, grinst der Jugendliche nur müde. Es ist nicht das erste Mal in dieser Woche, dass er zu spät zum Unterricht kommt. Und es wird nicht das letzte Mal sein. Das weiß er und das weiß sein Lehrer. Und möglicherweise wird es bald auch der Besitzer der Autowerkstatt wissen, in der Bernhard in ein paar Monaten als Azubi anfängt. Dann nämlich, wenn Bernhard auch dort ohne Entschuldigung zu spät zur Arbeit erscheint.

Kein Pauschalurteil

Immer mehr Ausbildungsbetriebe in Deutschland beschweren sind über die mangelnde Reife ihrer Azubis. Laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sind zwanzig Prozent eines Jahrgangs nicht ausbildungsreif. Probleme beim Rechnen, Schreiben und Lesen gebe es zwar auch, besonders besorgniserregend sei jedoch der Mangel an den sogenannten Soft Skills wie Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit.

Dass diese Eigenschaften schon zu Schulzeiten zu wünschen übrig lassen, bestätigt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. "Ich halte nichts davon, Jugendliche pauschal zu verurteilen, aber Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz nehmen unter den Schülern bedenklich ab", sagt er.

Dabei sind es genau die Soft Skills, auf die Unternehmen bei Bewerbern am meisten Wert legen. Laut DIHK bilden Teamfähigkeit, selbständiges Arbeiten und Einsatzbereitschaft die Top drei auf der Wunschliste der Arbeitgeber. Breites Fachwissen folgt auf der Liste der geforderten Kompetenzen erst auf Rang fünf, hinter Kommunikationsfähigkeit.

Was Schule und Elternhaus in der Ausbildung sozialer Fähigkeiten versäumt haben, holen Manager und Angestellte später oftmals selbst nach, in Soft-Skills-Seminaren, wie der Psychologe George Pennington sie anbietet. "Seit Jahren bringe ich erwachsenen Menschen Dinge bei, die sie eigentlich schon mit 14 gelernt haben sollten", sagt der gebürtige Amerikaner, der auch schon im Bayerischen Fernsehen eine Serie über Psychologie im Alltag präsentierte. Er sieht Soft Skills als "Fitness fürs Leben", über die viele junge Leute nicht mehr verfügen.

Die Schuld für die sozialen Defizite sieht er zu einem großen Teil in der Schulausbildung. "Für Soft Skills ist kein Platz im Lehrplan, die Lehrer sind damit überfordert." Dass aufgrund der zunehmenden Beschleunigung der Schulausbildung, beispielsweise durch die Einführung der G8, wenig Zeit für Auseinandersetzung mit Soft Skills im Unterricht bleibt, räumt Lehrerverbandschef Kraus, der auch Schulleiter des Maximilian-von-Montgelas-Gymnasiums in Vilsbiburg ist, ein.

Genau deshalb fordert Pennington die Einführung des Schulfachs "Soft Skills". Zwar nicht jede Woche, aber doch einmal im Schuljahr sollten Schüler drei Tage lang ausschließlich ihre sozialen Fähigkeiten trainieren - unter geschulter Aufsicht.

"Das ist Stückwerk"

Josef Kraus hält davon wenig. "Soft Skills kann man nicht ohne Inhalt vermitteln. Sie müssen tagtäglich im Unterricht eingefordert werden." Beispielsweise durch Gruppenarbeit im Unterricht.

Doch genau diesen Ansatz empfindet Pennington als mangelhaft. "Die einzelnen sozialen Kompetenzen hängen zusammen und bilden ein System. Das was die Schule bisher vermittelt, ist Stückwerk. Ein bisschen Gruppenarbeit fördert noch lange nicht den Teamgeist, vor allem weil unser Schulsystem am Ende die Einzelkämpfer fördert."

"Über einen Verweis lachen die Schüler nur"

Wie der Soft-Skills-Unterricht aussehen soll, weiß Pennington genau. "Zuerst muss die Wahrnehmung trainiert werden. Wir sind zu sehr auf Konzentration gedrillt. Die weiche Aufmerksamkeit, die einen entspannten Überblick verschafft, fehlt." Am Anfang funktioniert das zum Beispiel über ein Spiel, in dem alle im Raum verteilt stehen und sich gegenseitig ein Kissen zuwerfen, das sie dann spontan auffangen müssen.

Defizite der Eltern

Danach gehe es darum, die eigenen mentalen, emotionalen und körperlichen Prozesse zu beobachten und steuern zu lernen. "Im Dialog wird geübt, konditionierte Reflexe zu stoppen. Bevor jemand eine Antwort gibt, soll er kurz innehalten und sich mindestens zwei weitere Optionen für seine Antwort überlegen", erklärt der Psychologe. So werde mentale Flexibilität geübt. Das Ziel ist schließlich eine gute emotionale Stabilität. Später sollen die Jugendlichen dann an ihrem Ausdruck arbeiten: Sprache, Mimik und Handeln.

Berit Heintz, Schulexpertin des DIHK hält derartige Seminare durchaus für sinnvoll. Allerdings ist auch sie überzeugt davon, dass Soft Skills in jedes Unterrichtsfach eingegliedert werden müssten. Und noch mehr als das. "Die Schule ist nicht allein für die mangelnden sozialen Kompetenzen von Jugendlichen verantwortlich. Die Entwicklung hat auch mit Erziehungsdefiziten der Eltern zu tun", sagt Heintz.

Die Eltern können es selbst nicht

Schulleiter Kraus sieht das genauso: "Die entscheidenden Prägungen, wie der würdevolle Umgang miteinander, müssen zu Hause gefestigt werden, die Schule spielt in der Erziehung nur eine nachrangige Rolle." Ein Vorwand, den Pennington nicht akzeptiert: "Die Eltern wissen heute meist selbst nicht, was Soft Skills sind. Deshalb sollten Lehrer speziell ausgebildet werden und ihre sozialen Fähigkeiten an die Kinder weitergeben", sagt er.

Den Bedarf an der Förderung von Soft Skills sieht auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands - und wünscht sich mehr Kompetenzen, um diese auch umzusetzen. "Im Moment haben wir kaum pädagogische oder disziplinarische Instrumente, um Verstöße gegen die Umgangsformen zu ahnden. Über Verweise lachen die Schüler nur, und viele Lehrer schrecken vor Maßnahmen zurück, um keinen Ärger mit den Eltern zu riskieren", sagt er.

Rasenmähen hilft

Anstatt Soft-Skill-Unterricht wünscht sich Kraus die Möglichkeit, Schüler, denen es an Teamgeist oder Einsatz mangelt, mit sozialen Arbeiten belegen zu können - und einen engagierten Einsatz aller Lehrer: "Fast alle beschweren sich über Flaschen im Unterricht oder Schüler mit Mützen auf dem Kopf, aber nur, wenn alle 80 Lehrer einer Schule das konsequent nicht durchgehen lassen, ändert sich das Verhalten der Jugendlichen."

Müsste Bernhard nach dreimaligem Zuspätkommen einen Nachmittag den Rasen der Schule mähen, wäre er in Zukunft vielleicht pünktlicher, so die Hoffnung. Bis das eintritt, greift Schulleiter Kraus an seinem Gymnasium zu anderen Mitteln. Parallel zum Tanzkurs für die zehnten Klassen wird seit neuestem ein Knigge-Kurs angeboten. Und der ist gutbesucht.

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