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Online-Recruiting:"Drei Fliegen mit einer Klappe"

Jason Reich organisiert digitale Business-Datings.

(Foto: BOAZ ARAD)

Die Plattform Talentspace soll Hochschulabsolventen und künftige Azubis mit den passenden Arbeitgebern zusammenbringen. Gründer Jason Reich erklärt, worauf es ankommt.

Von Christine Demmer

Wenn sich ein Semester dem Ende zuneigt, sind Arbeitgeber an den Hochschulen, um Nachwuchskräfte kennenzulernen - normalerweise. Eine große Chance, auf die Unternehmer wie Hochschüler wegen der Umstellung auf Digital-Vorlesungen bereits seit dem vergangenen Jahr verzichten müssen. Sie können sich aber virtuell mithilfe der Recruiting-Plattform Talentspace treffen. Deren Gründer und Geschäftsführer Jason Reich erklärt, wie Bewerber und künftige Arbeitgeber online zusammenkommen.

SZ: Normalerweise häufen sich im Frühjahr Karrieretage an Hochschulen, an denen die Arbeitgeber ihre Angebote präsentieren. Wie sah es in diesem Jahr aus?

Jason Reich: Sie fielen zu Hunderten aus. Dabei gehörten Karriereveranstaltungen vor der Pandemie zu den fünf wichtigsten Recruiting-Kanälen. Das belegt die Studie Recruiting Trends 2019 der Universitäten Bamberg und Nürnberg-Erlangen. In diesem Jahr müssen Arbeitgeber anders vorgehen, um geeignete Kandidaten kennenzulernen. Umgekehrt gilt das für die etwa 500 000 Hochschulabsolventen dieses Jahrgangs, die passende Einstiegsunternehmen finden wollen.

Sind fehlende Präsenztreffen auch im Bereich Ausbildung ein Problem?

Das ist so, leider. Wegen Corona sanken bereits 2020 sowohl das Ausbildungsangebot als auch die Anzahl der Ausbildungssuchenden um jeweils fast neun Prozent. Diese Zahlen hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ermittelt. Weil die Jugendlichen auch im zweiten Jahr der Pandemie viel schwerer erreicht werden können als früher, droht sich die Lehrstellen-Krise fortzusetzen.

Auf Ihrer Internetplattform können sich Arbeitgeber und junge Jobsuchende virtuell austauschen. Wie läuft das konkret ab?

Es gibt unterschiedliche Formate. Bei einem sehen und hören sich Arbeitgeber und Hochschulabsolventen oder Ausbildungsplatzsuchende per Video. Es ist ähnlich wie an einem Karrieremessestand: Beide tauschen sich so aus, als ständen sie einander direkt gegenüber. Dokumente können hochgeladen und am Bildschirm eingeblendet werden. Bei einem anderen Format stellen sich die Arbeitgeber im Vortrag dar. Interessenten stoßen entweder spontan hinzu oder sie melden sich vorher mit ihrem Profil und dem Lebenslauf an. Manche Arbeitgeber bevorzugen dieses Format, weil sie dabei eine Vorauswahl des Publikums treffen können.

Und was passiert danach?

Bei Interesse können sich die jungen Leute direkt bewerben. Oder das Unternehmen lädt die Bewerber ein. Sie haben sich ja schon ein Bild von ihnen gemacht.

Sie behaupten, das Kennenlernen von Berufseinsteigern und Unternehmen funktioniere auf einer virtuellen Plattform sogar besser als im persönlichen Dialog. Warum?

Kleine und mittlere Unternehmen leiden häufig unter ihrer geringen Bekanntheit. Die Folge: Sie erhalten zu wenige Bewerbungen. Bei der virtuellen Karrieremesse werden die teilnehmenden Unternehmen von einer hohen Zahl von Jobinteressenten erwartet, auf die sie direkt in der ihnen angenehmen Art zugehen können. Dadurch verliert die Bekanntheit als Faktor an Bedeutung, und auch kleinere Unternehmen haben Zugang zu Absolventen.

Das setzt voraus, dass sich genügend junge Leute als Interessenten registrieren. Wie schaffen Sie das?

Unabhängig von der Mund-zu-Mund-Propaganda, die neugierige Schul- und Hochschulabsolventen zu den Events leitet, sorgen zudem die Universitäten, Fachhochschulen und Messeveranstalter dafür, dass sich genügend Bewerber anmelden. Für die Hochschulen sind Online-Formate ja nichts Neues.

Was können Ausbildungsbetriebe vom Vorsprung der Hochschulen lernen, damit die Lehrstellenkrise nicht ganz so gravierend wird?

Man darf die Online-Affinität von Schülern nicht unterschätzen. Für 16-Jährige ist der virtuelle Austausch normal, sonst würde digitaler Schulunterricht nicht funktionieren. Und für nur lokal bekannte Ausbildungsbetriebe öffnet das virtuelle Format die Möglichkeit, mit Bewerbern außerhalb ihrer Region in Kontakt zu treten. Auf beiden Seiten ist die Hemmschwelle geringer als beim persönlichen Kontakt.

Das wäre ein Vorteil für Familienunternehmen. Deren Ruf und ihre Karriereangebote dringen selten über die regionalen Grenzen hinaus.

Richtig. Kleine und mittlere Betriebe schlagen gleich drei Fliegen mit einer Klappe. Sie gewinnen internetweit an Bekanntheit. Sie sparen sich die Reisekosten zu den Karriere-Events. Und sie können neben dem Personalchef oder der Human-Resources-Leiterin auch andere Mitarbeiter in verantwortungsvollen Positionen vorstellen.

Wie sollten Familienunternehmen gegenüber den Interessenten auftreten?

Lieber noch als mit den Personalern wollen Bewerber mit den Fachleuten aus den Geschäftsbereichen sprechen. Also mit dem IT-Leiter, jemandem aus der Buchhaltung oder der Produktion. Von ihnen erhoffen sie sich anschauliche Einblicke in die tägliche Arbeit. Bewerber wollen schließlich wissen, was von ihnen erwartet wird und womit sie zum Ausgleich rechnen können.

Wie könnte die Zukunft von Karrieremessen nach der Pandemie aussehen?

Man wird Offline-Karriereveranstaltungen und -messen nicht komplett ersetzen. Aber es wird mehr Online-Formate geben, und es werden öfter digitale Messen stattfinden.

© SZ/ssc/mai
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