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Führung:"Macht ist kein Hut, der einem aufgesetzt wird"

Merkel trifft Netanjahu

Angela Merkel galt mal als mächtigste Frau der Welt. Ihre Macht kann sie nicht einfach abgeben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Merkel gibt die Macht ab, ist überall zu lesen. Doch die Psychologin Janine Netzel sagt: So einfach ist das nicht. Ein Gespräch über Führung und Nachfolge.

Angela Merkel gibt die Macht ab, Angela Merkel zieht sich von der Macht zurück. So schreiben es viele Medien dieser Tage. Auch die SZ. Gesagt hat Angela Merkel aber nur: Ich kandidiere nicht mehr als Parteivorsitzende der CDU und ich will auch nicht mehr als Kanzlerkandidatin antreten. Merkel gibt also in absehbarer Zeit ihre Führungspositionen auf. Sind Macht und Posten also miteinander verbunden? Die Psychologin Janine Netzel hat das Verhältnis von Macht und Führung untersucht. Als Personalentwicklerin berät sie Führungskräfte, die Angst um ihre Macht haben.

SZ: Frau Netzel, was ist Macht?

Janine Netzel: Macht heißt, auf andere Personen, auf deren Ergebnisse, auf deren Vorankommen Einfluss zu haben. Oft wird das mit Führung oder mit Führungspositionen gleichgesetzt. Aus Sicht der Wirtschafts- und der Sozialpsychologie ist Macht aber bloß eine Voraussetzung von Führung.

Also bekommt man Macht nicht automatisch mit einer Führungsposition?

Macht ist kein Hut, der einem aufgesetzt wird und der von Person zu Person wandert. Von dieser Vorstellung müssen wir uns verabschieden. Es reicht nicht, oben im Organigramm zu stehen, um Macht zu haben. Eine echte Führungskraft hat vielmehr informelle, oft nicht beobachtbare Möglichkeiten, auf andere einzuwirken. Die Machtfrage hängt also nicht einseitig von der Person auf der Führungsposition ab, zum Beispiel von Frau Merkel. Macht wird von unten zugeschrieben.

Wovon machen wir abhängig, ob wir jemandem Macht zugestehen?

Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die Kompetenz, die wir jemandem zuschreiben, die Glaubwürdigkeit und vor allem die Fähigkeit, andere von Ideen zu überzeugen. Man muss überzeugen können, um das Verhalten Anderer zu bestimmen.

Netzel Psychologin

Die Psychologin Janine Netzel arbeitet als Mediatorin und Beraterin am Center for Leadership and People Management.

(Foto: privat)

Sie arbeiten als Beraterin und Personalentwicklerin. Wann raten Sie Menschen: Treten Sie zurück, Sie haben keinen Einfluss mehr?

Ich rate ihnen erst mal, sich ein realistisches Selbstbild zu verschaffen. Das ist etwa für Manager gar nicht so leicht. Denn je höher sie in der Hierarchie klettern, desto weniger ehrliches Feedback ist verfügbar. Aus der Machtforschung wissen wir: Um Führungsfiguren scharen sich Personen, die ähnliche Interessen haben. Die sind nicht daran interessiert, die Führungskraft in Frage zu stellen - außer sie können dadurch ihre eigene Position verbessern. Auf der Suche nach einem ehrlichen Feedbackgeber kann es helfen, mal eine Hierarchiestufe zu überspringen oder in einer anderen Abteilung nachzufragen.

Lässt sich verlorene Macht zurückgewinnen?

Wenn ich als Führungskraft das Gefühl habe, jetzt muss ich zurücktreten, ist der Graben meist schon zu tief. Führungskräfte müssen in der Lage sein, sich immer wieder zu hinterfragen: Wann habe ich vielleicht falsch entschieden? Wann habe ich meinen Einfluss überschätzt? Wann habe ich Informationen nicht rechtzeitig preisgegeben? Und auch: Welche Bedeutung habe ich für meine Partei, für meine Abteilung? Wenn sie das reflektieren und ehrlich kommunizieren, können sie verlorenen Einfluss wiederherstellen. Führungskräfte sagen oft, was sie brauchen. Sie fragen aber nicht, was andere von ihnen brauchen, um eine langfristig stabile Beziehung zu erarbeiten.