Kündigen:Wer sich kündigen lässt, umgeht die Sperrfrist

Lesezeit: 3 min

In dieser Lage befand sich auch Friedrich Kraus nach vier Monaten Arbeitslosigkeit. Seine finanziellen Reserven waren komplett verbraucht. Fünf Jahre hatte er in einer kleinen Firma für Kongressorganisation gearbeitet, zuvor Philosophie studiert. Nach Feierabend brachte er nicht mehr die Kraft auf, sich um Bewerbungen zu kümmern. Er zögerte lange, dann bat er seine Chefs, ihm zu kündigen. Dadurch umging er die Sperrfrist der Arbeitsagentur. Denn wer selbst kündigt, erhält in der Regel bis zu zwölf Wochen lang kein Arbeitslosengeld.

Zwar war das Verhältnis zu Vorgesetzten und Kollegen gut, doch inhaltlich zermürbte Kraus die Arbeit seit Langem. Dazu kam, dass sein Gehalt nur knapp zum Leben reichte. Nach vielen Absagen kam das erste Jobangebot von einer PR-Agentur. Ihm blieb keine Wahl. Er nahm es an, obwohl einiges auf ein schlechtes Betriebsklima hindeutete. Was sich schnell bewahrheitete - mittlerweile hat Kraus auch dort wieder gekündigt. Einen neuen Vertrag als Senior-PR-Berater hatte er da aber bereits unterschrieben.

Je länger die Arbeitslosigkeit, desto größer wird der Druck und die Unzufriedenheit. Studien der Freien Universität Berlin belegen, dass es nur am Anfang einen Unterschied macht, ob jemand selbst gekündigt hat oder unfreiwillig seinen Job verloren hat (siehe Interview Der Honeymoon-Effekt). Auch die Erleichterung darüber, die ungeliebte Tätigkeit hinter sich gelassen zu haben, verpufft schnell. Die Zufriedenheit steigt erst wieder mit Aufnahme eines neuen Jobs. Dann jedoch sind die Selbstkündiger klar im Vorteil, so die Untersuchung: Wer etwas Neues findet, ist glücklicher.

So weit ist es bei Oliver Blankenburg noch nicht. Auch er hatte von sich aus gekündigt. Nun sind drei Monate seit seinem letzten Arbeitstag bei einem mittelständigen Beratungsunternehmen vergangen. Nach einigen eher halbherzigen Bewerbungen bekam der 35-jährige Geograf bereits ein erstes Jobangebot - und lehnte ab. Noch möchte er seine temporäre Freiheit genießen, verreisen, Freunde besuchen. Blankenburg ist überzeugt, auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu haben. Immerhin hat ihm das Angebot die Zweifel an seiner Entscheidung genommen.

Das Grundvertrauen ist zurück

Auch Blankenburg war es nicht leicht gefallen, Kollegen und sicheres Gehalt hinter sich zu lassen. Mal hatte er sich gestresst gefühlt, mal unterfordert, die Krankmeldungen häuften sich. Nach fünf Jahren schien es ihm Zeit für etwas Neues zu sein. Erst einmal will er sich treiben lassen. Zumindest bis zum Ablauf des Arbeitslosengeldes will er sich keinen Druck machen.

Katja Siemann suchte sich zunächst einen "Studentenjob", wie sie sagt. 30 Stunden pro Woche arbeitet sie nun im Callcenter eines Start-ups. Auch wenn sie dort nur einen Bruchteil des vorherigen Gehalts verdient und es bisweilen auch anstrengend ist, sieht sie ihren neuen Job als Verlängerung ihrer Auszeit: "Meine Gedanken kreisen nicht mehr nur um die Arbeit, ich bin viel unbeschwerter. Das negative Grundrauschen, mit dem ich täglich aufgewacht bin, ist weg. Jeden Tag freue ich mich, dass ich nicht mehr in mein altes Büro gehen muss."

Siemann genießt ihre neu gewonnene Freizeit. Wie lange sie den aktuellen Job weitermacht, weiß sie noch nicht. Aber das Grundvertrauen, dass immer irgendetwas klappen wird, ist längst zurück.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB