Süddeutsche Zeitung

Kündigen:Wer ohne Jobzusage kündigt, riskiert viel

Lesezeit: 3 min

Hinwerfen, obwohl kein neuer Job in Sicht ist? Das kann sich lohnen - wenn man selbst mit der Lücke umgehen kann.

Von Sigrid Rautenberg

Der Aussetzer kam während einer Kundenpräsentation. Katja Siemann spürte plötzlich nur noch Leere im Hirn. Ihre Stimme zitterte, ein Kollege musste übernehmen. Seit acht Jahren arbeitete Siemann als Projektleiterin für eine große Digitalagentur und betreute Kunden aus der Pharmabranche. Das dauerhaft hohe Arbeitspensum, verbunden mit großer Budgetverantwortung, hatte sie an den Rand eines Burn-outs gebracht. Nach der verpatzten Präsentation beschloss sie, endlich zu kündigen.

"Die letzten drei Jahre habe ich nur noch funktioniert", sagt Siemann. Und das anscheinend sehr gut, denn sie bekam immer größere Projekte obendrauf. Die Angst vor dem Jobverlust hielt sie. Erst nach ihrem Blackout waren ihr die Konsequenzen egal. Ihr Bekanntenkreis hatte wenig Verständnis. "Viele jammern, aber sie kündigen nicht", sagt Siemann, die wie die anderen Selbstkündiger in diesem Text eigentlich einen anderen Namen trägt.

In den ersten Monaten nach der Kündigung fühlte sich die 37-Jährige befreit. Doch bald bedrückte sie die Furcht vor dem sozialen Abstieg, vor Altersarmut, auch wenn das Einkommen ihres Mannes den Lebensstandard sicherte. Siemann fürchtete, es aus der Arbeitslosigkeit heraus nicht mehr in einen neuen Job zu schaffen. Nach sechs Monaten begann sie mit der Suche. Die Lücke in ihrem Lebenslauf kaschierte sie durch freiberufliche und ehrenamtliche Tätigkeiten.

Die Lücken-Problematik kennt Bernd Rose gut. Er ist seit 20 Jahren Personalberater und Mitgründer der Capera-Personalberatung in Kassel. Weit über 500 Suchmandate zur Rekrutierung von Fach- und Führungskräften für vorwiegend mittelständische Unternehmen hat er abgewickelt. Auf seinem Tisch landen auch unzählige Bewerbungen von Selbstkündigern, die nun ganz schnell einen neuen Job brauchen.

Arbeitslose haben eine schlechtere Verhandlungsposition

Von solchen Kündigungen rät Rose ab, von Kurzschlusshandlungen sowieso. Aber man müsse differenzieren. Während ein spezialisierter SAP-Berater am nächsten Tag aus hundert Angeboten wählen könne, katapultiere sich ein Laborleiter eines Chemieunternehmens möglicherweise ins Abseits.

"Konservative Personaler markieren die Lücken mit einem Rotstift, getreu dem Motto: Lücke gleich Problem", sagt Rose. Aber natürlich gebe es Menschen, die besser als andere mit ihrer Lücke umgehen können und erhobenen Hauptes argumentieren. "Das kann auch imponierend wirken." Ausschlaggebend für den Personalberater ist jedoch die deutlich schwächere Verhandlungsposition, die man aus der Arbeitslosigkeit gegenüber einem potenziellen Arbeitgeber hat.

Wer sich kündigen lässt, umgeht die Sperrfrist

In dieser Lage befand sich auch Friedrich Kraus nach vier Monaten Arbeitslosigkeit. Seine finanziellen Reserven waren komplett verbraucht. Fünf Jahre hatte er in einer kleinen Firma für Kongressorganisation gearbeitet, zuvor Philosophie studiert. Nach Feierabend brachte er nicht mehr die Kraft auf, sich um Bewerbungen zu kümmern. Er zögerte lange, dann bat er seine Chefs, ihm zu kündigen. Dadurch umging er die Sperrfrist der Arbeitsagentur. Denn wer selbst kündigt, erhält in der Regel bis zu zwölf Wochen lang kein Arbeitslosengeld.

Zwar war das Verhältnis zu Vorgesetzten und Kollegen gut, doch inhaltlich zermürbte Kraus die Arbeit seit Langem. Dazu kam, dass sein Gehalt nur knapp zum Leben reichte. Nach vielen Absagen kam das erste Jobangebot von einer PR-Agentur. Ihm blieb keine Wahl. Er nahm es an, obwohl einiges auf ein schlechtes Betriebsklima hindeutete. Was sich schnell bewahrheitete - mittlerweile hat Kraus auch dort wieder gekündigt. Einen neuen Vertrag als Senior-PR-Berater hatte er da aber bereits unterschrieben.

Je länger die Arbeitslosigkeit, desto größer wird der Druck und die Unzufriedenheit. Studien der Freien Universität Berlin belegen, dass es nur am Anfang einen Unterschied macht, ob jemand selbst gekündigt hat oder unfreiwillig seinen Job verloren hat (siehe Interview Der Honeymoon-Effekt). Auch die Erleichterung darüber, die ungeliebte Tätigkeit hinter sich gelassen zu haben, verpufft schnell. Die Zufriedenheit steigt erst wieder mit Aufnahme eines neuen Jobs. Dann jedoch sind die Selbstkündiger klar im Vorteil, so die Untersuchung: Wer etwas Neues findet, ist glücklicher.

So weit ist es bei Oliver Blankenburg noch nicht. Auch er hatte von sich aus gekündigt. Nun sind drei Monate seit seinem letzten Arbeitstag bei einem mittelständigen Beratungsunternehmen vergangen. Nach einigen eher halbherzigen Bewerbungen bekam der 35-jährige Geograf bereits ein erstes Jobangebot - und lehnte ab. Noch möchte er seine temporäre Freiheit genießen, verreisen, Freunde besuchen. Blankenburg ist überzeugt, auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu haben. Immerhin hat ihm das Angebot die Zweifel an seiner Entscheidung genommen.

Das Grundvertrauen ist zurück

Auch Blankenburg war es nicht leicht gefallen, Kollegen und sicheres Gehalt hinter sich zu lassen. Mal hatte er sich gestresst gefühlt, mal unterfordert, die Krankmeldungen häuften sich. Nach fünf Jahren schien es ihm Zeit für etwas Neues zu sein. Erst einmal will er sich treiben lassen. Zumindest bis zum Ablauf des Arbeitslosengeldes will er sich keinen Druck machen.

Katja Siemann suchte sich zunächst einen "Studentenjob", wie sie sagt. 30 Stunden pro Woche arbeitet sie nun im Callcenter eines Start-ups. Auch wenn sie dort nur einen Bruchteil des vorherigen Gehalts verdient und es bisweilen auch anstrengend ist, sieht sie ihren neuen Job als Verlängerung ihrer Auszeit: "Meine Gedanken kreisen nicht mehr nur um die Arbeit, ich bin viel unbeschwerter. Das negative Grundrauschen, mit dem ich täglich aufgewacht bin, ist weg. Jeden Tag freue ich mich, dass ich nicht mehr in mein altes Büro gehen muss."

Siemann genießt ihre neu gewonnene Freizeit. Wie lange sie den aktuellen Job weitermacht, weiß sie noch nicht. Aber das Grundvertrauen, dass immer irgendetwas klappen wird, ist längst zurück.

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Quelle:
SZ vom 26.08.2017
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