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Jobunsicherheit:"Ab einem gewissen Alter kann und will man sich kein neues Leben aufbauen"

"Das Arbeitsunsicherheitsgefühl bleibt auch bei Menschen bestehen, die ins Berufsleben zurückkehren, weil das bisherige Leben grundsätzlich infrage gestellt ist", sagt Karl-Heinz Ladwig, Professor für psychosomatische Medizin und medizinische Psychologie an der Technischen Universität München sowie am Helmholtz-Zentrum. "Das führt zu einer Wunde, die nicht so schnell zu heilen ist."

Martin Schuster heuerte, als es ihm besser ging, bei einer anderen Versicherung an. Das ging ein Jahr gut, dann kürzte der Chef die Gehälter und wechselte zur Provisionsbasis. Dem ständigen Verkaufsdruck hielt Schuster nicht stand, wieder spielte sein Körper verrückt, sein linker Fuß wurde taub. Seit Februar 2016 ist er arbeitsunfähig, inzwischen macht er eine Gesprächstherapie in der psychosomatischen Tagesklinik Ulm. Die Kündigung seines neuen Arbeitgebers hat er längst, die abermalige Diagnose auch: arbeitsbedingter Stress.

Arbeitnehmer sind im Schnitt immer älter und unflexibler

Dafür muss gar nicht der Job auf dem Spiel stehen, oft reicht es schon, in eine neue Abteilung versetzt zu werden, sich an neue Kollegen, neue Abläufe, neue Chefs gewöhnen zu müssen. Oder an eine neue Betriebssoftware - allein die Schnelllebigkeit der Technik macht vielen zu schaffen. Dazu kommt der demografische Wandel. In jüngeren Jahren ist man eher bereit, Veränderungen hinzunehmen, Deutschlands Arbeitnehmer sind im Schnitt aber immer älter und damit unflexibler. "Im Laufe der Jahre werden Verwurzelungen mit einem bestimmten Ort, werden Nachbarn, Freunde, das soziale Umfeld wichtiger, das sind zentrale emotionale Stützen", sagt der Psychologe Ladwig. Eine Versetzung, ein Umzug lasse diese Stützen wegbrechen. "Ab einem gewissen Alter kann und will man sich kein neues Leben aufbauen."

"Veränderungen sind heute ein unvermeidbarer Bestandteil des Arbeitslebens, und sie haben durchaus auch positive Aspekte", sagt Amira Barrech, Expertin für Arbeit und Gesundheit am Universitätsklinikum Ulm und Autorin der Helmholtz-Studie. Trotzdem könne sich das Ausmaß an Unsicherheit, das von Veränderungen ausgeht, negativ auf die Gesundheit auswirken, zu körperlicher und psychischer Anspannung führen, zu Bluthochdruck oder eben auch zu einem tauben Fuß.

Solche Schockwirkungen haben sicherlich auch damit zu tun, dass sich die Deutschen besonders stark mit ihrer Arbeit identifizieren, in anderen Ländern mag man einen Wechsel gelassener sehen. Doch gerade in den mittleren Jahren liefert man sich dem Arbeitgeber aus, betont Ladwig, weil da die Chancen schwinden, einen anderen Job zu finden. Und genau diese mittleren Jahre seien es, die erkennbar im Alter nachwirkten.

© SZ vom 14.01.2017
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