Süddeutsche Zeitung

Jobunsicherheit:Wenn Arbeit krank macht

Der Job ist unsicher, der Kollege auf dem Sprung, die Aufgaben ändern sich ständig: Leben Beschäftigte jahrelang im Ungewissen, hat das Auswirkungen bis nach der Rente.

Von Viola Schenz

Hätte man Martin Schuster vor fünf Jahren gefragt, was er im Winter 2016 wohl machen wird, hätte er geantwortet: Das, was ich jetzt auch mache - Versicherungen verkaufen, Geldanlagen erklären. Vor fünf Jahren war Schuster (Name geändert) Generalvertreter eines Versicherungskonzerns für Südwestdeutschland. Doch statt jetzt in seinem Büro am Besuchertisch Kunden gegenüberzusitzen und ihnen den Unterschied zwischen fonds- und indexgebundenen Lebensversicherungen zu erläutern, sitzt er in der psychosomatischen Abteilung der Universitätsklinik Ulm in einem Stuhlkreis zwischen Mitbetroffenen. Was ist passiert?

Vor vier Jahren erlitt er plötzlich einen epileptischen Anfall. Er musste ins Krankenhaus, ein Antikörper war über die Blutbahn ins Hirn gelangt, die Ärzte standen vor einem Rätsel, sie konnten keine Ursache finden und schrieben ihn vorläufig krank, sein Blut wurde komplett ausgetauscht. Acht Monate später legte ihm sein Chef den Aufhebungsvertrag vor. Man könne seine Abwesenheit nicht länger mittragen, als börsennotiertes Unternehmen müsse man den Aktionären gerecht werden, so die Begründung. Schuster sah sein "Lebenswerk zerstört", zwölf Jahre hatte er für den Konzern gearbeitet. "Ich bekam Depressionen, konnte nicht mehr schlafen", sagt der 53-Jährige. Inzwischen kennen die Ärzte die Diagnose: arbeitsbedingter Stress. Schuster war schlichtweg ausgebrannt, sein Körper reagierte drastisch.

Der Fall ist keine Seltenheit. Wer permanent Druck erlebt, wer seinen Arbeitsplatz als unsicher empfindet oder von Veränderungen bedroht, kann laut Deutscher Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) darunter leiden wie unter einer körperlichen Krankheit. Vor allem: Solcher Stress kann weit mehr anrichten als bisher vermutet und erwiesen. Das zeigt eine Studie des Helmholtz-Zentrums München: Arbeitsunsicherheit hat langfristige Folgen. Wer in den mittleren Lebensjahren, also zwischen Mitte 40 und Mitte 50, damit konfrontiert war, schätzt sein eigenes Wohlbefinden auch noch 20 Jahre später als deutlich geringer ein.

Die Helmholtz-Forscher hatten 1800 Arbeitnehmer in Süddeutschland befragt. Anfangs waren alle noch berufstätig; 40 Prozent von ihnen gaben an, oft oder manchmal besorgt zu sein, ob sie ihren Job behalten können. Als dieselben Teilnehmer 20 Jahre später wieder interviewt wurden, waren alle im Ruhestand. Die Gruppe derjenigen, die zuvor über Arbeitsunsicherheit geklagt hatte, gab nun ein deutlich vermindertes Wohlbefinden an - was laut Studie einem Risikofaktor für die seelische und körperliche Gesundheit gleichkomme.

Keine Frage, es ist ungemütlich geworden zwischen neun und 17 Uhr. Früher waren ein absehbarer Beförderungsweg, ein festes Kollegium und Routineabläufe die Norm, heute herrschen befristete Arbeitsverhältnisse, Entlassungen, Jobverlagerungen ins Ausland - Stressfaktoren, die den eigenen Arbeitsplatz als permanent bedroht erscheinen lassen. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendwo ein Konzern verkündet, demnächst Mitarbeiter im vierstelligen Bereich entlassen zu müssen. Allein in der Autoindustrie sind 250 000 Jobs in Gefahr, warnt die IG Metall. Und selbst wer einen Wandel übersteht und etwas Neues findet, ist angekratzt.

"Ab einem gewissen Alter kann und will man sich kein neues Leben aufbauen"

"Das Arbeitsunsicherheitsgefühl bleibt auch bei Menschen bestehen, die ins Berufsleben zurückkehren, weil das bisherige Leben grundsätzlich infrage gestellt ist", sagt Karl-Heinz Ladwig, Professor für psychosomatische Medizin und medizinische Psychologie an der Technischen Universität München sowie am Helmholtz-Zentrum. "Das führt zu einer Wunde, die nicht so schnell zu heilen ist."

Martin Schuster heuerte, als es ihm besser ging, bei einer anderen Versicherung an. Das ging ein Jahr gut, dann kürzte der Chef die Gehälter und wechselte zur Provisionsbasis. Dem ständigen Verkaufsdruck hielt Schuster nicht stand, wieder spielte sein Körper verrückt, sein linker Fuß wurde taub. Seit Februar 2016 ist er arbeitsunfähig, inzwischen macht er eine Gesprächstherapie in der psychosomatischen Tagesklinik Ulm. Die Kündigung seines neuen Arbeitgebers hat er längst, die abermalige Diagnose auch: arbeitsbedingter Stress.

Arbeitnehmer sind im Schnitt immer älter und unflexibler

Dafür muss gar nicht der Job auf dem Spiel stehen, oft reicht es schon, in eine neue Abteilung versetzt zu werden, sich an neue Kollegen, neue Abläufe, neue Chefs gewöhnen zu müssen. Oder an eine neue Betriebssoftware - allein die Schnelllebigkeit der Technik macht vielen zu schaffen. Dazu kommt der demografische Wandel. In jüngeren Jahren ist man eher bereit, Veränderungen hinzunehmen, Deutschlands Arbeitnehmer sind im Schnitt aber immer älter und damit unflexibler. "Im Laufe der Jahre werden Verwurzelungen mit einem bestimmten Ort, werden Nachbarn, Freunde, das soziale Umfeld wichtiger, das sind zentrale emotionale Stützen", sagt der Psychologe Ladwig. Eine Versetzung, ein Umzug lasse diese Stützen wegbrechen. "Ab einem gewissen Alter kann und will man sich kein neues Leben aufbauen."

"Veränderungen sind heute ein unvermeidbarer Bestandteil des Arbeitslebens, und sie haben durchaus auch positive Aspekte", sagt Amira Barrech, Expertin für Arbeit und Gesundheit am Universitätsklinikum Ulm und Autorin der Helmholtz-Studie. Trotzdem könne sich das Ausmaß an Unsicherheit, das von Veränderungen ausgeht, negativ auf die Gesundheit auswirken, zu körperlicher und psychischer Anspannung führen, zu Bluthochdruck oder eben auch zu einem tauben Fuß.

Solche Schockwirkungen haben sicherlich auch damit zu tun, dass sich die Deutschen besonders stark mit ihrer Arbeit identifizieren, in anderen Ländern mag man einen Wechsel gelassener sehen. Doch gerade in den mittleren Jahren liefert man sich dem Arbeitgeber aus, betont Ladwig, weil da die Chancen schwinden, einen anderen Job zu finden. Und genau diese mittleren Jahre seien es, die erkennbar im Alter nachwirkten.

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Quelle:
SZ vom 14.01.2017
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