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Fachkräftemangel:Telefonieren, beraten, Kram eingeben, einheften

Mit der öffentlichen Verwaltung verbinden junge Leute eher graue Räume als aufregende Karrierechancen - ein verheerendes Image für einen Arbeitgeber.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bund, Länder und Kommunen wollen 200 000 neue Mitarbeiter gewinnen - neben Erzieherinnen suchen sie Architekten, Informatikerinnen und Ärzte. Sind das bloß gute Chancen auf einen sehr drögen Job?

Früher genügte eine Stellenanzeige im Staatsanzeiger oder in einer Fachzeitschrift, wenn Kommunen einen neuen Kämmerer suchten, eine Geschäftsführerin für die Stadtwerke oder einen Feuerwehrkommandanten. Heute klappt es oft nur mit einem Headhunter.

Edmund Mastiaux hat sich mit seiner Personalberatungsgesellschaft ZFM auf die Vermittlung von Führungskräften für Kommunalverwaltungen und öffentliche Unternehmen spezialisiert. "Seit drei, vier Jahren haben wir so viele Anfragen von Kommunen aus ganz Deutschland, dass wir gar nicht mehr akquirieren müssen", sagt Mastiaux. "Allerdings wird es auch für uns immer schwieriger, gute Kandidaten zu finden. Wenn es der Wirtschaft gut geht, ist die öffentliche Verwaltung eben nicht so attraktiv."

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Der Stadt Köln hat die ZFM beispielsweise einen neuen Baudezernenten vermittelt. Das Amt war schon fast ein Jahr vakant, als es der Architekt Markus Greitemann im Juni 2018 übernahm, ein Verwaltungsquereinsteiger, der das Gebäudemanagement eines Großunternehmens und später der Universität Köln geleitet hatte. Zu seinem Wechsel ins Baudezernat sagt der 58-Jährige: "Finanziell war das kein Fortschritt - das war mir aber auch nicht wichtig. Mich hat es gereizt, diese großartige Stadt gestalten zu können. Ich sehe das als letzten großen Baustein in meiner Karriere, sodass ich am Ende sagen kann, ich habe etwas bewegt."

Wahlbeamte wie Markus Greitemann sind auch deshalb besonders schwer zu rekrutieren, weil sie neben der fachlichen Eignung das richtige Parteibuch haben müssen. Greitemann war im Sauerland lange Stadtverordneter und Kreistagsabgeordneter der CDU. Auch wegen dieser kommunalpolitischen Erfahrung schreckte ihn das aufwendige Auswahlverfahren für das neue Amt nicht ab: erst drei Auswahlrunden zu fachlichen Themen, dann die Vorstellung bei den Ratsfraktionen. "Wenn Führungspositionen in der Privatwirtschaft besetzt werden, ist der Ablauf natürlich nicht so kompliziert", sagt Greitemann.

Markus Greitemann

Quereinsteiger: Bevor der Architekt Markus Greitemann Baudezernent in Köln wurde, leitete er das Gebäudemanagement der Universität.

(Foto: Lukas Schulze / Funke Foto Services)

Keine Lust auf das Auswahlverfahren

Unterhalb der Wahlbeamtenebene sind Auswahlverfahren für den öffentlichen Dienst noch stärker formalisiert, weil sie gerichtsfest sein müssen. In der Praxis bedeutet das unter anderem, dass alle Bewerber vor einem Gremium denselben Fragenkatalog beantworten müssen. Nicht viele hochqualifizierte und erfahrene Manager oder Ingenieure haben Lust auf das recht langwierige Verfahren, an dessen Ende dann beispielsweise das Amt eines Behördenleiters winkt, mit Verantwortung für bis zu 300 Mitarbeiter, aber einem vergleichsweise bescheidenen Jahresgehalt von etwa 90 000 Euro.

Nach Berechnungen des Deutschen Beamtenbundes fehlen Bund, Ländern und Kommunen derzeit etwa 200 000 Beschäftigte. Erzieher und Lehrer sind darin eingerechnet. Aber auch in Finanz-, Jugend-, Gesundheits-, Bau- oder Ordnungsämtern, beim Zoll, in Jobcentern und Ausländerbehörden sind Tausende Stellen unbesetzt. Die Belegschaften sind stark überaltert, auch wegen Personaleinsparungen in der Vergangenheit. Wenn die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, könnte die Zahl der unbesetzten Stellen beim Staat auf 700 000 steigen. Kommunen sind von dem Personalmangel besonders betroffen - am stärksten prosperierende Großstädte, denn mit dem Wachstum einer Kommune steigt auch die Zahl ihrer Verwaltungsaufgaben.