bedeckt München
vgwortpixel

Job:Offenheit beim Vorstellungsgespräch wird selten belohnt

Nach Schätzungen sind 0,7 bis ein Prozent der Weltbevölkerung von Autismus betroffen, mehrheitlich Männer. Asperger-Autisten sind normal bis hoch intelligent, trotzdem können viele den Alltag nicht ohne Hilfe bewältigen. Viele Autisten arbeiten in Behindertenwerkstätten. Diejenigen, die einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden, verschweigen die Störung oft, erklärt Friedrich Nolte vom Verband Autismus Deutschland: "Es ist aber extrem anstrengend, die Schwierigkeiten ständig kompensieren zu müssen." Offenheit beim Vorstellungsgespräch werde zu selten belohnt: "Dann kommen meist sehr skeptische Fragen, diesem Druck halten viele nicht stand."

Nun aber rücken die Fähigkeiten von Menschen mit Autismus stärker in den Vordergrund. 2011, als SAP in Indien sein Programm "Autism at work" startete, wurde auch die Berliner Integrationsfirma Auticon gegründet, die Autisten als IT-Consultants beschäftigt. Der Gründer Dirk Müller-Remus, Vater eines Sohnes mit Asperger-Autismus, beschäftigt inzwischen fast 60 Mitarbeiter aus dem autistischen Spektrum und hat Filialen in München, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Stuttgart.

Alltagsuntauglichkeit trotz Spezialbegabung

"Bei Menschen mit Asperger-Autismus fällt eine enorme Diskrepanz zwischen Alltagsuntauglichkeit und Spezialbegabung auf", sagt Müller-Remus. "Außerdem haben sie einen starken Hang zur Qualitätssicherung. Meine Leute sind sehr akkurat und können großartig analytisch-logisch denken." Trotzdem waren sie früher Hartz-IV-Empfänger, einige hatten ihr Studium abgebrochen, sich aber autodidaktisch Wissen angeeignet. Oft müsse man den Bewerbern ihre Kompetenzen förmlich aus der Nase ziehen, erzählt der Auticon-Gründer: "Ich habe mal einen nach seinem Hobby gefragt, da stellte sich heraus, dass er gern Computer-Handbücher übersetzt - in fünf Sprachen. Im Lebenslauf stand kein Wort darüber."

Im beruflichen Alltag sind für Autisten eine ruhige Arbeitsumgebung, wiederkehrende Abläufe, Arbeiten ohne Zeitdruck und feste Ansprechpartner wichtig. Die Auticon-Consultants haben Job Coaches, die auch die Kundenfirmen, bei denen sie eingesetzt sind, über ihre Bedürfnisse aufklären. Bei SAP hat jeder autistische Mitarbeiter einen Mentor aus einer anderen Abteilung, an den er sich bei Konflikten wenden kann, sowie einen "Buddy" in seinem Team. Martin Busleys Kollegin Annett König half ihm nicht nur, im Unternehmen heimisch zu werden, sondern sogar bei der Wohnungssuche in Mannheim. "Die ersten acht Wochen sind wir so ein bisschen ängstlich umeinander herumgeschlichen", erzählt Annett König. "Aber dann haben wir gemerkt, dass das gut läuft - und wir gar nicht so verschieden sind."

© SZ vom 27.02.2016/mkoh
Zur SZ-Startseite