Baden-Württemberg:"Die meinen, alle Hauptschüler wären dumm"

Die CDU preist die Reform als gelungen, 556 Werkrealschulen sind schon bewilligt. "Ich sehe da kein Feuer unterm Dach", hat CDU-Fraktionschef Peter Hauk auf die Frage nach einem Bildungswahlkampf einmal gesagt - kein Diskussionsbedarf. Dass Ministerin Schick das Konzept gut verkaufen kann, liegt auch an ihrer Person: Mit der Berufung der früheren Präsidentin der Fachhochschule München war Ministerpräsident Stefan Mappus im Februar ein kleiner Coup gelungen. Mit ihrem kommunikativen Stil taugt sie weniger als Feindbild für Kritiker als ihr Vorgänger Helmut Rau, dem zuweilen Borniertheit nachgesagt wurde. "Rau war am Schluss wie eine Betonwand, bei Schick ist es eher eine Gummiwand", sagt Renate Rastätter, bildungspolitische Sprecherin der Grünen.

Denn in ihrer Partei und in der SPD, die in Umfragen zusammen bei 48 Prozent liegen, sieht man dieses Feuer sehr wohl. "Die Werkrealschule ist der letzte verzweifelte Versuch, die traditionelle Struktur am Leben zu erhalten", sagt Rastätter. Drei "Begabungstypen" gebe es aber nun mal nicht, "30 Jahre doktert man nun schon an der Hauptschule herum".

Die Grünen wollen eine Gemeinschaftsschule, in der die Schüler bis Klasse neun oder zehn unter einem Dach wären und dort alle Abschlüsse erwerben können, mitunter auch Abitur. Ohne Großreform: Kommunen sollen entscheiden, welche Schulen sie benötigen, "Schulentwicklung von unten". Auch die SPD plant, das selektive System in ein integratives zu verwandeln. Ziel: Die zehnjährige gemeinsame Schulzeit - mit einer neuen individuellen "Lern- und Förderkultur", wie es heißt.

Von dieser Debatte bekommen Markus Böhm und Shannen Hampel wenig mit. Beide sind in der neunten Klasse in Esslingen und stehen kurz vor der Mittleren Reife. Dass der Ruf der Hauptschule schlecht ist, wissen sie nur zu gut. Gleichaltrige schauen öfter arrogant herunter, "die meinen, alle Hauptschüler wären dumm", sagt Hampel, die Goldschmiedin werden will. "Es gibt halt überall Leute, die keine Lust haben, was zu erreichen", erklärt sich Böhm das Vorurteil. Unverständlich sei aber, dass der Hauptschulabschluss allein gar nichts wert sein soll: "Ist ja auch ein Abschluss. Viel wichtiger ist, dass man sich für den Beruf interessiert, dass man sich reinhängt."

"Ist ja auch ein Abschluss"

"Zur Landtagswahl wird das Thema schon noch hochkochen", sagt Rektor Hummel. Neben der System-Frage könnten dann auch Umsetzungsprobleme zutage treten. "Das wurde teils mit heißer Nadel gestrickt." Schon das Lehramtsstudium sei auf Schwerpunkte wie Gesundheit gar nicht richtig abgestimmt.

Im ländlichen Raum staut sich derweil der Frust über Zusammenlegungen von Hauptschulen im Zuge der Reform. Eine Kommune, der das neue Konzept wegen zu geringer Schülerzahlen verwehrt wurde, zog vor Gericht. Bei manchen Eltern herrscht Unsicherheit, ob sie noch Schulen nahe am Wohnort haben werden, Lehrer sind wütend über Versetzungen, Schulleiter befürchten Degradierungen. Die Bildungsgewerkschaft GEW ließ eine Studie zur Entwicklung der Schülerzahlen erstellen und geht davon aus, dass auch viele Werkrealschulen bald nicht mehr genügend Schüler finden werden.

Bei Veranstaltungen in Ortsverbänden, in Gesprächen mit Lehrern und Eltern spüre man den Unmut, sagt die Grüne Rastätter. Die Hoffnung auf eine Großdebatte schwinde aber: "Alles wird überlagert von Stuttgart 21, da wirkt die Schulpolitik wie ein abgevespertes Thema." Rektor Hummel will der neuen Schulform "drei, vier Jahre Zeit" geben, zu einem längeren gemeinsamen Lernen sieht er keine Alternative. Werde schon im vierten Schuljahr getrennt, sei klar, wer als "Bildungsverlierer" übrigbleibt - Schüler aus schwierigem Milieu: eben jene, die mit einer aufgewerteten Hauptschule nun den Anschluss finden sollen.

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