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Gemeinsames Konto:Der Staat fördert ausgerechnet die unfairen Paare

Wie kann man sich das genau vorstellen?

Wir haben Frauen und Männern Geld in die Hand gedrückt und beobachtet, was sie sich davon kaufen. Dann haben wir einem von ihnen einen Geldbetrag für beide zusammen gegeben und sie aushandeln lassen, wofür sie es ausgeben wollen. Dabei haben wir gesehen: Es hat einen Einfluss, wem wir das Geld geben. Wer das Geld bekommt, entscheidet mehr, was gekauft wird.

Das heißt, wenn die Frau das Geld bekommen hat, ging das Geld eher für Lippenstift drauf?

Kosmetikartikel waren bei Frauen und Männern eher unbeliebt. Aber es ging uns gar nicht um Stereotype. Vielleicht will ein Partner das Geld ja auch für ein Geschenk ausgeben. Wir haben nur verglichen: Wer setzt seine individuelle Kaufentscheidung in der Verhandlung durch. Und das war nicht die Frau oder der Mann, sondern derjenige, der das Geld bekommen hat, obwohl es für beide gleichermaßen gedacht war. Damit wollten wir simulieren, dass einer von beiden ein Einkommen auf das Familienkonto bezieht.

Kann man das Experiment denn einfach so auf den Alltag übertragen?

Damit muss man natürlich immer vorsichtig sein. Denn im Experiment ging es eben nicht um ein Arbeitseinkommen, sondern um einen zusätzlichen Gewinn, der den Teilnehmern in den Schoß fällt. Jetzt wissen wir aber aus der Literatur, dass Menschen Geld, das sie durch eigene Leistung verdient haben, einen höheren Wert beimessen als Geldgeschenken. Von einem Geschenk ist man eher bereit, etwas abzugeben. Wenn man das zusammennimmt, könnte man sogar vermuten, dass wir nur die Spitze des Eisbergs gesehen haben.

Haben sich denn wirklich alle Partner so unfair verhalten?

Nein, bei etwa einem Drittel hat es überhaupt keine Rolle gespielt, wer das Geld bekommen hat. Und das waren eher jüngere Paare, in denen Frauen und Männer sich in ihrer Ausbildung, in ihrer Erwerbstätigkeit und ihrem Einkommen relativ ähnlich sind. Die Einkommensabstufung hat in unserem Experiment eine Rolle gespielt. Wir konnten tatsächlich sagen: Je größer der Anteil am Einkommen, den ich selbst erziele, desto besser kann ich meine Wünsche durchsetzen.

Wo die Rücksicht und Kooperationsbereitschaft besonders wichtig ist, findet sie am wenigsten statt?

Genau. Und zugleich sind das die Partnerschaftskonstellationen, die der Gesetzgeber besonders fördert. Beim Ehegattensplitting oder der gesetzlichen Mitversicherung in der Krankenkasse wird unterstellt, dass das Paar das Familieneinkommen 50/50 teilt und gleichberechtigt über Anschaffungen entscheidet.

© SZ.de/mkoh
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