Weiterbildung Auch geistig Behinderte können Lehrer werden

Job Weiterbildung

Auch Menschen mit geistiger Behinderung sind in Bezug auf ihre individuellen Fähigkeiten und Belastbarkeit sehr verschieden. Manche können sich zu Dozenten qualifizieren.

(Foto: Diego PH /Unsplash)

Lange waren ihre Jobchancen auf handwerkliche Tätigkeiten in Werkstätten beschränkt. Nun können sich geistig Behinderte als Dozenten qualifizieren.

Von Miriam Hoffmeyer

Was bedeutet Arbeit für euch?", fragt der Dozent die 15 Lehramtsstudenten, die im Seminarraum in einem Kreis zusammensitzen. Auf einem Plakat werden die Antworten notiert: Geld verdienen, soziale Anerkennung, Erfahrung, persönliche Weiterentwicklung, soziale Struktur, Zusammenhalt. Ein ganz gewöhnlicher Anfang eines Pädagogik-Seminars - nur, dass nicht ein einziger Dozent erschienen ist, sondern sechs, die einander alle paar Minuten abwechseln. Zwei von ihnen sitzen im Rollstuhl. Und alle haben eine geistige Behinderung.

Helmuth Pflantzer arbeitete vor einem Jahr noch als Pförtner bei den Heidelberger Werkstätten der Lebenshilfe. "Ich war da zufrieden", sagt der 44-Jährige. "Aber ich hab gewusst: Da muss noch mehr kommen. Und dann kam die große Chance." Seit November 2017 wird Pflantzer an der Fachschule für Sozialwesen der Johannes-Diakonie Mosbach zur "Bildungsfachkraft" qualifiziert. Die Idee: Menschen mit geistigen Behinderungen vermitteln angehenden Pädagogen ihren Alltag und ihre Lebenswelt. Nicht, indem sie "vorgeführt" werden, sondern aktiv und mit professionellem Anspruch.

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In der dreijährigen Qualifizierung lernen die Teilnehmer zum einen, wie Arbeitsmarkt und Bildungssystem in Deutschland funktionieren und welche Rechte behinderte Menschen haben. Zum anderen beschäftigen sie sich mit Techniken und Praxis der Bildungsarbeit: Präsentationen und Workshops anlegen, vorbereiten, durchführen, reflektieren. Das Seminar zum Thema "Arbeit" ist schon das vierte, das die geistig behinderten Dozenten an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg halten.

Ziel ist, für die Teilnehmer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu schaffen

Ziel des Projekts ist es, nach der Qualifizierung für die Teilnehmer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu schaffen. Beim Vorbild und Kooperationspartner der Johannes-Diakonie Mosbach hat das geklappt: Das der Universität Kiel angegliederte Institut für Inklusive Bildung bildet seit 2014 geistig behinderte Menschen zu Bildungsfachkräften aus, der erste Jahrgang ist inzwischen fertig und am Institut fest angestellt. Jan Wulf-Schnabel, Leiter des Kieler Instituts, erzählt von enormen Fortschritten der Teilnehmer auch in ihrer persönlichen Entwicklung: "Einer ist bei seinem ersten Seminar nach zehn Minuten erschöpft im Rollstuhl eingeschlafen, ein Jahr später hat er ganz souverän vor 400 Studenten gesprochen."

Die sechs Heidelberger Teilnehmer wurden unter 40 Bewerbern ausgewählt. Denn natürlich sind Menschen mit geistiger Behinderung in Bezug auf individuelle Fähigkeiten, Motivation und Belastbarkeit sehr verschieden. Nicht jeder ist für diese Weiterbildung geeignet. Die 28-jährige Anna Neff, die früher in einer Behindertenwerkstatt in Schwarzach im Odenwald Schrauben sortiert und verpackt hat, pendelt jetzt täglich länger als eine Stunde zur Qualifizierung nach Heidelberg. "Es ist anstrengend - abends bin ich kaputt. Aber es macht Spaß!", sagt sie.

Das Projekt zeigt, wie groß die Entwicklungschancen durch berufliche Bildung sein können. Chancen, die der großen Mehrheit der Betroffenen verwehrt sind. Soweit sie überhaupt arbeiten, geschieht das fast ausschließlich in Werkstätten für behinderte Menschen. Wer dort anfängt, durchläuft ein Eingangsverfahren, in dem bis zu drei Monate lang geprüft wird, welche Art von Beschäftigung infrage kommt. Daran schließt sich ein zweijähriger Berufsbildungsbereich an, in dem die Menschen verschiedene Arbeitsfelder der Werkstatt kennenlernen. Danach ist keinerlei Aus- oder Weiterbildung mehr vorgesehen. Was Beschäftigte dazulernen, beschränkt sich meist auf kurze Trainings, um etwa einen Gablerstapler fahren oder eine neue Maschine bedienen zu können.