Wertevermittlung Wer soll nun die Kinder lehren?

Zusammenhalt ist wichtig: Schulen sind für die Vermittlung von solchen Werten da. Andere Institutionen haben an Einfluss verloren.

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  • Eltern und Lehrer sind sich einig: Die Schule muss die Vermittlung gesellschaftlicher Werte als Bildungs- und Erziehungsziele verstehen, das zeigt eine Studie des Verbands Bildung und Erziehung.
  • Andere Personen und Institutionen, die Kindern Werte vermitteln, haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren.
  • Sowohl Eltern als auch Lehrer sehen ihre Erwartungen an die Schule noch lange nicht erfüllt.
Von Larissa Holzki

Schulkinder in Berlin lernen antisemitische Schimpfwörter. Sächsische Berufsschüler schmieren Hakenkreuze an die Wände der Schulgebäude. Immer mehr Wähler in ganz Deutschland geben ihre Stimme einer nationalistischen Partei. Angesichts dieser Entwicklungen sorgen sich viele um die gesellschaftlichen Werte. Wie kann gewährleistet werden, dass Kinder lernen, tolerant zu sein, Menschenrechte zu achten und Konflikte friedlich zu lösen? Wer muss sich darum kümmern? Und welche Werte sollten Priorität haben?

Diese Fragen haben Wissenschaftler der Uni Tübingen und Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) mehr als 1100 Eltern und fast 1200 Lehrern gestellt. Die wichtigste Rolle bei der Vermittlung von Werten kommt demnach der Familie zu. Für mehr als 80 Prozent der Eltern und Lehrer ist aber auch die Schule dabei wichtig oder sehr wichtig. Es ist eine von vielen Erwartungen, die heute an Schulen gestellt werden. Aber sie ist berechtigter und begründeter denn je.

Die Umgebung, in der Kinder aufwachsen und ihr Wertesystem entwickeln, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Und das hat Folgen. Der Sozial- und Organisationspsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat darüber geforscht, wie Einstellungen und Wertesysteme entstehen und sich verändern. Er sagt: "Für die Erziehung eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes". Man kann sich dieses Dorf bildlich vorstellen: Bauernhöfe, auf denen die ganze Familie wohnt, Nachbarskinder, die auf der Straße spielen, eine Kirche in der Mitte des Dorfes, daneben die Grundschule, die Feuerwehr, der Sportplatz. Außer der Schule ist in der Lebenswelt vieler Kinder heute davon nicht viel erhalten.

Das hat nicht nur, aber auch mit den Ganztagsschulen und der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Mütter zu tun. "Meines Erachtens muss die Schule Defizite aus dem Elternhaus ausgleichen, weil Eltern oft selbst keine Werte vermitteln, sich zu wenig Zeit nehmen oder tatsächlich keine haben", sagt Dieter Frey.

Immer weniger Kinder gehen zum Kommunionsunterricht

Statt auf der Straße spielen Kinder am Computer. Die Jugendfeuerwehren klagen über Nachwuchssorgen, viele Sportvereine auch. Jugendliche trainieren heute häufig lieber im Fitnessstudio als Judo zu machen, Handball zu spielen oder um die Wette zu schwimmen. Die katholische Kirche zählte 2017 etwas mehr als 187 000 Kommunionkinder, 15 Jahre zuvor waren es noch über 100 000 mehr. Die evangelische Kirche berichtet von einem ähnlichen Schwund an Jugendlichen bei der Konfirmation. Nur gut ein Drittel der Eltern sind laut der VBE-Studie der Meinung, dass Religionsgemeinschaften noch eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Werten zukommt. Die entstehende Lücke ist groß.

"In Sportvereinen, im Kommunionsunterricht, bei der Feuerwehr sind Werte vermittelt worden - und zwar durch praktisches Handeln", sagt Dieter Frey: "Die Leute mussten im Sportverein und bei der Feuerwehr Initiative zeigen, es gab Konflikte, die gelöst werden mussten, und wichtig war für das alles so etwas wie Solidarität. Im Kommunionsunterricht hätten sich Kinder mit ethischen Fragen auseinandergesetzt, aber auch mit Fragen der Selbstidentität, sagt der Psychologe. "Es war immer die Chance, innezuhalten und zu reflektieren: Wer bin ich, wer will ich sein, wo komme ich her, wo gehe ich hin? Das ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung."

Wer soll nun die Kinder lehren? Fast alle Eltern und Lehrer sagen: noch immer die Familie. Große Erwartungen liegen aber auch auf den Schulen.

Lang ist die Liste der Werte, die Eltern und Lehrer heute als wichtige Erziehungsziele der Schule betrachten. Und die Erwartungen der Lehrer an sich selbst sind sogar noch höher als die der Mütter und Väter. So sagen fast alle Lehrer, dass eigenverantwortliches Handeln, den Erwerb sozialer Kompetenzen und von Konfliktfähigkeit, die Achtung der Menschenrechte und das Einüben von Toleranz aus ihrer Sicht wichtige oder sehr wichtige Bildungs- und Erziehungsziele in der Schule sind. In der Gruppe der Eltern erachten die meisten das eigenverantwortliche Handeln für wichtig, nachfolgend die Förderung selbständigen Lernens und den Erwerb sozialer Kompetenzen. Auffällig ist, dass deutlich mehr Lehrer als Eltern die Anerkennung der kulturellen Vielfalt als wichtig oder sehr wichtig einstufen (70 Prozent zu 89 Prozent).