Gehalt Je mehr gezahlt wird, desto ungerechter

Wie es auf der anderen Seite aussieht, erfahren die Gäste des Münchner "Salong" auf den Toiletten. Beim Entgelttransparenzgesetz geht es um Einblicke in die Gehälter anderer Mitarbeiter.

(Foto: Robert Haas)

Seit einem Jahr haben Beschäftigte das Recht zu erfahren, wie viel ihre Kollegen verdienen. Was hat das bisher bewirkt?

Von Martin Scheele

Zwei Personen arbeiten im selben Unternehmen, der Mann und die Frau machen den gleichen Job - und werden trotzdem unterschiedlich entlohnt. Ein Missstand, der durch das sogenannte "Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen" behoben werden soll. Seit gut einem Jahr ist das Gesetz in Kraft. Es sieht unter anderem vor, dass Mitarbeiter in Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten von ihren Arbeitgebern Auskunft darüber verlangen können, wie viel Geld ihre Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Was hat sich seitdem geändert?

Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeichnet ein ernüchterndes Bild. In nur zwölf Prozent der Unternehmen mit Betriebsrat habe sich die Geschäftsführung bislang mit der Umsetzung des Gesetzes befasst, so ein Ergebnis der Umfrage, die das gewerkschaftsnahe Institut unter 3600 Betriebsräten gemacht hatte. Am höchsten ist der Anteil in Firmen mit bis zu 500 Beschäftigten: Hier hat knapp jede fünfte Firma Aktivitäten zur Umsetzung des Entgelttransparenzgesetzes gestartet. Die große Mehrheit blieb aber inaktiv.

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Auch die meisten Arbeitnehmer waren zurückhaltend. In 13 Prozent der Firmen mit bis zu 500 Beschäftigten hat mindestens eine Person von ihrem Auskunftsrecht Gebrauch gemacht, so die Studie. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten lag der Anteil bei 23 Prozent. Wenn es im Unternehmen einen Betriebsrat gibt, ist dieser laut Gesetz die erste Station für Angestellte, die Auskünfte verlangen.

Eine Ifo-Umfrage unter Personalleitern kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Demnach nutzten insgesamt in neun Prozent der Unternehmen die Beschäftigten ihr Recht auf eine Auskunft über das Gehalt der Kollegen.

Die SZ hat die Hälfte der 30 Dax-Konzerne befragt, darunter Unternehmen wie die Deutsche Bank, Allianz, SAP, Daimler und Volkswagen. Alle Unternehmen bescheinigen sich selbst transparente und faire Vergütungssysteme, die keine geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigen. Dennoch bestreitet kaum ein Vergütungsexperte die Existenz eines sogenannten Gender Pay Gaps, also einer Entgeltlücke in der Bezahlung von Männern und Frauen. Der Wert wird regelmäßig statistisch erhoben. Lässt man Ausbildung, Berufserfahrung oder Position unberücksichtigt, lag die Lücke 2017 bei 21 Prozent. Die bereinigte Lücke betrug 2014 - dieser Wert wird nur alle vier Jahre erhoben - bei sechs Prozent.

Was tun die großen Firmen gegen die Lücke?

Wie eine Analyse des Internetportals Stepstone ergab, wächst die Lohnlücke, je besser eine Branche vergütet und je höher die Hierarchiestufe ist. Im unteren Management betrage der Unterschied 21 Prozent, auf der Geschäftsführungsebene 42 Prozent, so ein Ergebnis der Studie. Besonders unfair bezahlt werde in Finanzberufen, im Vertrieb und im Marketing.

Was tun also Deutschlands größte Unternehmen, um die Lücke zu schließen? Wie die Umfrage der SZ zeigt, stellten nur sehr wenige Mitarbeiter bislang Anfragen. Beispiel Volkswagen: Beim Wolfsburger Konzern mit seinen 310 000 in Deutschland beschäftigten Mitarbeitern haben gerade mal zwei Beschäftigte ein entsprechende Auskunft verlangt. "Beide Anfragen sind zurzeit in Bearbeitung", erklärt eine Sprecherin des Konzerns.

Beim Autozulieferer Continental mit seinen 56 000 Beschäftigten in Deutschland sind bislang bundesweit 20 Anfragen eingegangen. "Da bei Continental Arbeitsplätze grundsätzlich geschlechterunabhängig bewertet werden und die Bezahlung unserer Mitarbeiter sich stets nach der Bewertung der jeweiligen Stelle richtet, bestand hier kein weiterer Handlungsbedarf", sagt eine Sprecherin.