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Feiertage:Hauptsache, frei

Friedhof zu Allerheiligen

In Deutschand ist Allerheiligen in fünf Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag. Viele Familien nutzen die freie Zeit, um Gräber auf dem Friedhof zu besuchen.

(Foto: dpa)

In manchen Gegenden Deutschlands müssen Berufstätige jedes Jahr vier Tage länger arbeiten als anderswo. Die Wirtschaft sieht Feiertage kritisch - dennoch wurden gerade wieder einige neu geschaffen.

Der Rest Deutschlands beneidet Bayern traditionsgemäß um die Alpen, seine florierende Wirtschaft und das gute Bier - doch am allermeisten um seine zahlreichen Feiertage. Während sich Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg mit nur zehn Feiertagen in norddeutscher Zurückhaltung üben, haben die Bayern in diesem Jahr 13 Tage frei - zumindest wenn sie in einer der überwiegend katholischen Gemeinden leben, wo am 15. August Mariä Himmelfahrt gefeiert wird. Wer in Augsburg wohnt, darf sich sogar über 14 Feiertage freuen, denn dort wird das Hohe Friedensfest gefeiert.

Aber halt! Die tiefere Bedeutung von Feiertagen interessiert die Deutschen eigentlich gar nicht. Das zumindest legen die Ergebnisse einer GfK-Umfrage nahe. An Tagen wie Ostern und Pfingsten zählt für die Hälfte der Bundesbürger vor allem die arbeitsfreie Zeit, der christliche Hintergrund ist ihnen überhaupt nicht wichtig. Jeder Dritte hat bei christlichen Feiertagen zudem keine Ahnung, was eigentlich gefeiert wird. Dabei sind sechs der insgesamt neun gesetzlichen Feiertage, die in allen 16 Bundesländern gleich sind, kirchlichen Ursprungs.

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Sind die zahlreichen christlichen Feiertage überhaupt noch zeitgemäß in einer multikulturellen Gesellschaft, in der 37 Prozent der Bevölkerung konfessionslos sind und immer mehr Menschen aus der Kirche austreten? Darüber lässt sich streiten - besonders, wenn wieder einmal die Forderung nach einem islamischen Feiertag für die in Deutschland lebenden Muslime in den Ring geworfen wird, wie vor zwei Jahren vom damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Daraus wurde bekanntermaßen nichts, der Vorschlag ist bis heute umstritten: Nach Zahlen des "Vielfaltsbarometers 2019" der Robert-Bosch-Stiftung ist ein Drittel der Befragten der Meinung, dass in Deutschland gesetzliche Feiertage auch für andere Religionen eingeführt werden sollten, 65 Prozent sprechen sich dagegen aus. Einer Mehrheit der Deutschen ist die ungleiche Verteilung der Feiertage ein Dorn im Auge. In einer YouGov-Umfrage vom Jahr 2016 plädierten 61 Prozent der Bevölkerung für gleich viele gesetzliche Feiertage in allen Bundesländern - und zwar so viele wie im Land mit den meisten freien Tagen, also Bayern.

Nicht zuletzt der Neid auf den Freistaat hat in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen im vergangenen Jahr zur Einführung eines zusätzlichen Feiertags geführt. Dort ist der Reformationstag am 31. Oktober inzwischen arbeitsfrei.

Dass Feste, anders als angesichts der Überzahl christlicher Feiertage zu erwarten wäre, nicht vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis gesellschaftspolitischer Debatten sind, zeigt sich auch in Berlin, dem Bundesland mit den vormals wenigsten Feiertagen. Dort rang die rot-rot-grüne Stadtregierung mit mehreren Feiertagskandidaten: Zur Diskussion standen unter anderem der 17. Juni als Datum des Volksaufstands in der DDR von 1953, der 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus und der 18. März als Gedenken an die Märzrevolution von 1848.

1995 wurde der Buß- und Bettag abgeschafft und damit die Pflegeversicherung finanziert

Am Ende einigte man sich auf die unverfänglichste Variante: den Internationalen Frauentag, der von 2019 an alljährlich am 8. März in Berlin arbeitsfrei ist. Zusätzlich wird dort nächstes Jahr einmalig der 8. Mai zum Feiertag - 75 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Thüringen kürte in diesem Jahr dagegen den Weltkindertag am 20. September zum arbeitsfreien Tag. Die Gründe, den Süden Deutschlands zu beneiden, werden also weniger, die nördlichen und östlichen Bundesländer holen auf - zumindest was die Feiertage betrifft.

Doch der Trend zu mehr Feiertagen mag verwundern, besonders jene, die sich an 1995 erinnern: Damals wurde in allen Bundesländern außer Sachsen der Buß- und Bettag abgeschafft, um die neu eingeführte Pflegeversicherung zu finanzieren. Die sächsischen Arbeitnehmer büßen den Erhalt des arbeitsfreien Tags bis heute, indem sie einen um 0,5 Prozent höheren Beitrag in die Pflegekassen einzahlen müssen als die Bewohner anderer Bundesländer.

Müßiggang muss man sich eben erst mal leisten können. Um die Löcher im deutschen Finanzhaushalt zu stopfen, wollte die Bundesregierung Mitte der 2000er-Jahre erneut Feiertage streichen. Ausgerechnet SPD-Politiker forderten damals, den Tag der Deutschen Einheit, also den einzigen deutschen Nationalfeiertag, stets auf einen Sonntag legen und ihm so den Charakter eines arbeitsfreien Tages zu nehmen. Durch die Ausdehnung der jährlichen Arbeitszeit sollte der Produktionsausstoß und damit das Bruttoinlandsprodukt gesteigert werden. Die Vergrößerung der Besteuerungsbasis sollte mehr Einnahmen in die öffentlichen Kassen spülen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Brückentage

In jedem Betrieb gibt es Menschen, die ihre Urlaubstage so geschickt anordnen und an Feiertage koppeln, dass sie möglichst lange Zeit am Stück freihaben. Man nennt sie Brückenbauer. Im nächsten Jahr haben sie wenig zu tun. Denn 2020 fallen viele Feiertage auf das Wochenende. Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Samstag, ebenso Mariä Himmelfahrt und der Reformationstag. Allerheiligen und der in Thüringen eingeführte Weltkindertag finden am Sonntag statt. Bundesweit empfehlen sich gerade einmal zwei Termine zum Brückenbau: Neujahr und Christi Himmelfahrt. In der ersten Januarwoche lassen sich mit zwei Urlaubstagen fünf freie Tage am Stück gewinnen. Wer in Baden-Württemberg, Bayern oder Sachsen-Anhalt lebt, wo das Fest der Heiligen Drei Könige gefeiert wird, kann am 6. Januar noch einen weiteren Tag dranhängen. Ein beliebter Brückentag ist auch der Freitag nach Christi Himmelfahrt, wie immer ein Donnerstag. Der Einsatz eines Urlaubstages bringt vier freie Tage. An Fronleichnam, ebenfalls immer ein Donnerstag, gilt dies nur für Gegenden mit überwiegend katholischer Bevölkerung. Jutta Pilgram

Tatsächlich bedeuten Feiertage für die Wirtschaft Milliardenverluste. Es kommt zu einem Produktionsrückgang und höheren Lohnkosten durch den bezahlten Feiertag und Feiertagszuschläge, die gerne auf die Preise umgewälzt werden. Tendenziell steigen durch einen Feiertag also die Güterpreise, die Gewinne sinken.

Eine Ifo-Studie zu den Kosten eines zusätzlichen Feiertags relativiert die negativen Effekte eines arbeitsfreien Werktags jedoch. Rein rechnerisch müsste das Bruttoinlandsprodukt durch einen zusätzlichen Feiertag pro betroffenem Monat bei 21 Arbeitstagen um 4,8 Prozent sinken, was 0,4 Prozent pro Jahr entspricht.

Wie sehr sich ein Feiertag wirtschaftlich auswirkt, hängt auch von der Branche ab

Daten der Bundesbank aus einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten belegen jedoch, dass das Bruttoinlandsprodukt durch einen entfallenen Arbeitstag im Jahr durchschnittlich nur um 0,12 Prozent sinkt. Vieles werde durch Vor- oder Nacharbeit in Form von Überstunden und Sonderschichten kompensiert, so die Verfasser der Studie. Außerdem arbeiten Selbständige gerne auch am Feiertag, wenn eine Auftragsarbeit fertig werden muss. Und Ärzte, Pfleger, Busfahrer, Kellner oder Feuerwehrleute müssen sowieso auch dann arbeiten, wenn alle anderen ihre Freizeit genießen. Das Gast- und Hotelgewerbe macht an Feiertagen sogar erst richtig Kasse.

Wie sehr sich ein Feiertag wirtschaftlich auswirkt, hängt also auch von der Branche ab - und sogar von Jahreszeit oder Wochentag. Ein zusätzlicher Feiertag in den kalten Monaten spielt etwa am Bau keine Rolle, weil dort bei Schnee und Kälte sowieso nicht viel passiert. Fällt ein Feiertag jedoch auf einen Samstag, egal ob im Winter oder Sommer, können die Folgen für den Einzelhandel durchaus schmerzhaft sein, denn dort ist der Samstag für gewöhnlich der verkaufsstärkste Tag.

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Weniger Feiertage führen jedoch nicht zwangsläufig zu mehr Wirtschaftskraft, wie Bayern und Baden-Württemberg zeigen. Die beiden Bundesländer haben die meisten Feiertage und stehen trotzdem wirtschaftlich am besten da. So uneindeutig die wirtschaftlichen Folgen von Feiertagen sind, so unbestritten ist ihre positive soziale und gesundheitliche Wirkung - mit Ausnahme der Weihnachtsfeiertage vielleicht, wo Familienstreitigkeiten das Gemüt trüben und Weihnachtsgänse und Lebkuchen für ungesunde Zusatzpfunde sorgen können.

Feiertage fördern - anders als Urlaubstage - das Gemeinschaftsgefühl, auf politischer wie persönlicher Ebene. Shoppingtouren fallen aus, auch der lange überfällige Arztbesuch lässt sich nicht erledigen: Deshalb zwingen Feiertage zur Entschleunigung, zur Erholung, zur Besinnung auf das Wesentliche. Wann, wenn nicht am Feiertag, haben Freunde und Familien Zeit, zusammenzufinden und gemeinsam etwas zu unternehmen? Die arbeitsfreien Tage ermöglichen eine "soziale Synchronisation", wie Soziologen es nennen.

Und um dem Neid auf den Süden Deutschlands endlich ein Ende zu bereiten, sollten vielleicht mehr Bayern gen Norden ziehen und dort Unternehmen leiten - so wie Markus Oeller. Der Geschäftsführer der Agenturgruppe MSM.digital hat für seine 60 Mitarbeiter in Lübeck, Berlin und Hamburg kurzerhand die katholischen bayerischen Feiertage importiert. Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen und der Dreikönigstag gelten für sie als bezahlter Sonderurlaub. Auch so kann Gleichberechtigung gehen.

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