Ehemalige Amazon-Mitarbeiterin "Ich konnte es ihnen nie recht machen"

Die Arbeitsbedingungen beim Internet-Kaufhaus Amazon gelten als besonders gnadenlos.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Chefin, die anruft, wenn sie krank ist, ein Arbeitspensum, das sich nur mit Nachtschichten bewältigen lässt und Kollegen, die anonym petzen. Eine ehemalige Amazon-Managerin berichtet.

Interview von Kathrin Werner, New York

Amazon. Ein neuer Job, eine neue Herausforderung, ein Umzug an die andere Seite des Landes. Das klang aufregend für die junge Frau aus New York, die sich in ihrem alten Job bei einer großen Einzelhandelskette schon seit einiger Zeit ein bisschen langweilte. Vor etwas mehr als zwei Jahren packte sie ihre Sachen und begann ihre neue Stelle im mittleren Management im Amazon-Hauptquartier in Seattle. Inzwischen ist sie schon wieder weg, sie hat es nicht mehr ausgehalten bei dem Online-Händler. Sie will nicht, dass ihr Name publiziert wird.

SZ: Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag bei Amazon erinnern?

Natürlich, ich hatte mich sehr darauf gefreut und war ziemlich aufgeregt. Das Bewerbungsverfahren war hart, ich war stolz, dass ich es geschafft hatte. Aber als ich bei Amazon ankam, waren da noch gut 350 andere und ich musste erstmal Schlange stehen. Es gab eine Schlage, wo man Essen bekam, eine für seinen Laptop und seine Tasche. Und für die Registrierung natürlich. Nach zwei, drei Monaten haben ganz viele von uns gemerkt, dass es nicht so toll ist bei Amazon, wie wir dachten. Und wir haben gemerkt, dass wir auch feststeckten.

Konnte man nicht kündigen?

Ein Faktor waren die Umzugskosten, die Amazon für die neuen Mitarbeiter übernimmt. Bei mir lagen sie bei 20.000 Dollar. Wenn man weniger als zwei Jahre bei Amazon bleibt, muss man das Geld zurück zahlen, was die meisten nicht können. Ich bin nach einem Jahr und acht Monaten gegangen und hatte Glück, dass sie nicht alles, sondern nur 5000 Dollar zurückgefordert haben. Außerdem bekommt man nach zwei Jahren einen Bonus in Aktien. Ich habe überlegt, ob ich deswegen noch vier Monate durchhalten könnte, habe mich aber dagegen entschieden. Sie hätten mich noch härter gepusht und ich wollte nicht wieder krank werden.

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Sie waren krank?

Kurz nachdem ich bei Amazon angefangen hatte, bin ich krank geworden und hatte eine schwierige Operation. Als ich danach wieder zurückkam, ging alles den Bach herunter. Sie haben kritisiert, dass ich nicht mehr so gut bin wie am Anfang, dass ich mich verbessern müsse. Drei Monate nach der OP hat mich Amazon als "Low Performer" eingestuft, der Druck stieg immer mehr. Nach meiner zweiten OP hat mich meine Chefin andauernd angerufen und gefragt, wann ich endlich wieder ins Büro komme. Ich wollte mich in eine andere Abteilung versetzen lassen, für einen unbelasteten Neuanfang. Aber das haben sie abgelehnt. Sie haben gesagt, dass das Feedback von meinen Kollegen dafür zu schlecht sei.

Haben sie dafür das "Anytime Feedback Tool" benutzt, die Software, mit der man sich mit bestimmten Voreinstellungen über Kollegen bei den Vorgesetzten beschweren kann?

Ja, sie nennen es das Telefon-Werkzeug, weil man es über sein Firmentelefon ansteuern kann. Da kann jeder irgendetwas über andere Leute erzählen. Meistens hat man eine gewisse Ahnung, wer sich über einen beschwert hat, aber man erfährt es nie offiziell und kann sich darum auch schlecht dagegen verteidigen. Und die Chefs tun auch nichts dagegen. Sogar wenn sie wissen, dass die Kritik nicht stimmt, landet sie in deiner jährlichen Bewertung.