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Frauen bei der Bundeswehr:Ein zäher Kampf

Frauen in der Bundeswehr

Soldatinnen der Bundeswehr auf den Truppenübungsplatz im brandenburgischen Lehnin.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Erst seit zwanzig Jahren dürfen Frauen in der Bundeswehr Dienst an der Waffe leisten. Jetzt soll sich der wachsende Anteil von Soldatinnen auch sprachlich niederschlagen.

Von Joachim Käppner

"Sie fliegen Kampfflugzeuge und Hubschrauber. Sie springen aus Flugzeugen und fahren Panzer. Sie kommandieren Kriegsschiffe und Kampfkompanien. Frauen bei der Bundeswehr sind nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile sind Soldatinnen in fast jedem Bereich der ehemaligen Männerdomäne angekommen."

So wirbt die Bundeswehr ganz offiziell auf ihrer Homepage mit ihren Verdiensten um die Gleichberechtigung. Und in der Tat wäre nichts von all dem noch vor gut 20 Jahren möglich gewesen. Schon 2011, während des Kampfeinsatzes in Afghanistan, befehligte eine Feldwebelin, die offiziell übrigens Frau Feldwebel zu nennen ist, einen vorgeschobenen Außenposten bei Kundus. Bald wird es eine weitere Korvettenkapitänin geben, es gibt zumindest Erwägungen, selbst die letzten Männerbastionen wie das ebenso geheimnis- wie skandalumwitterte Kommando Spezialkräfte (KSK) für Frauen zu öffnen.

Wer hätte das gedacht, damals, im Jahr 2000. Denn am Anfang stand der Einwand. Oder besser, standen Einwände, sehr viele von ihnen: Geht gar nicht. Das können Frauen nicht, das ist zu hart für sie. Die Truppe hält das nicht aus. Eine Armee ist kein Versuchskaninchen für Weltverbesserung. Ganz freiwillig kam der Wandel damals nicht zustande: 1996 bewarb sich eine junge Frau, Tanja Kreil, als Soldatin. Sanitäterinnen gab es bereits, aber in der Kampftruppe wurden Frauen abgelehnt. Die Bundeswehr, damals noch mit Wehrpflicht, war im Wesentlichen für Männer reserviert. Tanja Kreil klagte bis zum Europäischen Gerichtshof - und bekam 2000 dort recht. Die Wehrpflicht für Frauen blieb zwar weiterhin untersagt, aber als Freiwillige durften sie sich nun melden. Und die ersten Wagemutigen taten genau das.

Zu ihnen gehörte eine gerade volljährige junge Frau namens Anne Bressem. Heute sagt sie, die Integration von Frauen in die Bundeswehr "war eine große Erfolgsgeschichte - eine hart erkämpfte freilich, und es gibt noch viel zu tun". Sie erinnert sich gut daran, "wie nervös ich war, wie fremd mir das alles erschien und wie misstrauisch viele uns Frauen beäugten".

Steilwände, Stress, Schlafentzug - die Härten der Ausbildung schweißen zusammen

Anne Bressem, Multitaskerin, will nächstes Jahr für die SPD in den Bundestag. Sie ist Mutter zweier Kinder, Diplom-Pädagogin, Frau Oberstleutnant, derzeit abkommandiert als Pressesprecherin ans Innenministerium von Thüringen, ist noch heute aktive Soldatin. Sie muss lachen: "Ich trage hier im Ministerium keine Uniform. Dann hätten einige Leute vielleicht noch mehr Angst vor mir." Vor ihr, der 37-Jährigen aus der fremden Welt Bundeswehr.

Wie fremd diese Welt ihr selber einmal war. Als sie am 3. September 2001 in Bayreuth zum Dienst in der Luftwaffe antrat, hörte sie bald das Wort von der "Emanze", ein Etikett, das sie durch schiere Anwesenheit in einer Männerwelt erhielt, wie andere Frauen dort auch. Beim Personalgespräch mit gewissen Vorgesetzten bestanden diese darauf, dass eine dritte Person im Raum blieb; offenbar unterstellten die Herren weiblichen Untergebenen, sie mit erfundenen Vorwürfen wegen sexueller Belästigung zu überziehen. "Ich hatte mich freiwillig zu den Streitkräften gemeldet", sagt Anne Bressem, "dieses Misstrauen uns gegenüber war abenteuerlich. Es ist natürlich nicht sehr produktiv, wenn bei einem vertraulichen Gespräch mit dem Vorgesetzten noch ein Aufpasser dabei sitzt und alles mithört. Aber wir mussten damit leben."

Bressem ist niemand, der zu Vergröberungen neigt. Was sie bei der Bundeswehr bleiben ließ, außer der Überzeugung, ihr Auftrag sei nötig, "das war die Kameradschaft. Die Härten etwa der Ausbildung schweißen Menschen viel mehr zusammen als man das im zivilen Leben kennt". Nächtelanger Schlafentzug beim Überlebenstraining in den Bergen, das Gewehr G 36 unter Stress zerlegen, eine 25 Meter hohe Steilwand in den Bergen, an der sich die höhenängstliche Aspirantin abseilen musste. All das schweißt zusammen.

Diese Kameraden waren immer auch Männer. Wie jener, der als einziger, so berichtet sie es, zu ihr stand, als sie 2007 die sehr harte und anspruchsvolle Ausbildung zum Jägerleitoffizier machte. Sie lernte, am Boden die Einsätze von Kampfjets zu koordinieren und zu leiten, als einzige Frau unter 20 Männern, von denen sich, wie sie erzählt, 19 keineswegs als Kameraden erwiesen, sondern als feindselige Konkurrenten: Frauen, hörte sie, könnten nicht räumlich genug denken, am Radarschirm seien sie eine Gefahr für die Piloten in der Luft. Wer weiß, auf welchen dienstfremden Wegen sie ihre Karriere geschafft habe; das haben ihr Leute ins Gesicht gesagt. Aber sie hat es trotzdem geschafft. Und heute, sagt sie, sei mit dem Generationswechsel ein viel entspannterer Umgang zwischen den Geschlechtern entstanden, "glücklicherweise - was nicht heißt, dass es keine Anfeindungen mehr gibt".

Soldatinnen

Zwölf Prozent der Bundeswehrangehörigen sind weiblich. In manchen Laufbahnen sind Frauen besonders stark vertreten, im Sanitätsdienst sind beispielsweise mehr als 45 Prozent der Beschäftigten weiblich. "Generale sind die höchsten Dienstgrade der Bundeswehr. Derzeit gibt es drei Soldatinnen im Generalsrang, eine Frau Generalstabsarzt und zwei Generalärzte - Tendenz steigend", sagte eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums zum zwanzigsten Jahrestag der Zulassung von Frauen zur Bundeswehr. Erst ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes im Jahr 2000 hatte Frauen in Deutschland uneingeschränkt alle militärischen Laufbahnen geöffnet.

Im Dezember 2018 dienten in der Bundeswehr, bei einem Personalstand von etwa 181 000, fast 22 000 Soldatinnen. "Die Bundeswehr schrumpfte. Doch die Zahl ihrer Soldatinnen stieg kontinuierlich", heißt es dazu euphorisch in der Online-Selbstdarstellung der Bundeswehr, der allerdings die Zahl fehlt, dass damit grob sieben Achtel der Truppe männlich sind. "Zu wenig", sagt Anne Bressem. Das findet auch die neue Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Eva Högl von der SPD. Der SZ sagte sie kürzlich: "Es kommen moderne, junge Männer nach, die das Partnerschaftliche leben. Das ist die Zukunft. Ein Anteil von 30 Prozent Frauen in der Bundeswehr, das würde der Truppe sicher guttun."

Frauen in den Streitkräften haben vor allem strukturelle Probleme mit der "gläsernen Decke"

Sexuelle Übergriffe gegen Soldatinnen gibt es immer wieder, wie die Jahresberichte der diversen Wehrbeauftragten leider bestätigen. Doch sind dies eher Ausnahmen, strukturelle Probleme haben Frauen in den Streitkräften mit der "gläsernen Decke", wie es Eva Högl nennt, mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ähnlichen Problemen, wie sie auch die zivile Arbeitswelt kennt.

Dafür bietet der Job auch Herausforderungen, die Wagemutige suchen. Frühjahr 2019 in Gao, Mali; die Bundeswehr ist dort als Teil des UN-Mission Minusma, die Soldaten der Vereinten Nationen sollen mithelfen, Mali vor einem neuen Angriff der islamistischen Milizen im Norden des Landes zu schützen. In einem schwer gesicherten Container sitzt eine junge "Frau Major", sie steuert die unbewaffnete Heron-Drohne, das unsichtbare Auge am Himmel über der Wüste. Verdächtige Bewegungen, davon gibt es immer wieder welche, wertet die kleine Luftwaffentruppe aus und gibt sie weiter ans UN-Hauptquartier in Gao. "Es ist ein sinnvoller Auftrag, wir helfen den Menschen hier, damit der Krieg nicht zurückkommt", sagte sie. Ihren Namen wollte sie nicht in der Zeitung lesen, das Gefühl der Entfremdung zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft kennen auch die Soldatinnen, obwohl gerade sie dazu beitragen sollen und wollen, beide wieder anzunähern.

Im Moment kämpfen die Frauen in der Truppe für etwas, was bereits sarkastische Kommentare auslöste: Ob die Streitkräfte keine anderen Sorgen hätten? Es ist ein Streit um Worte und Symbole, aber er ist wichtig für die Soldatinnen. Sie, jedenfalls sehr viele, verlangen, dass die Dienstgrade für sie in der weiblichen Form gelten, was hier, anders als bei manch ähnlichen Debatten im akademischen Milieu, auch kein Vergehen an der deutschen Grammatik wäre, sondern logisch und korrekt. Eine Kommissarin der Polizei ist eine Kommissarin, aber die Offizierin der Bundeswehr Anne Bressem ist Frau Oberstleutnant.

Sollten sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter Erfolg haben, dann wird es demnächst Frau Oberstleutnantin Bressem sein, die gelegentlich Dinge twittert wie am 27. Oktober dieses Jahres, als die einschlägige Änderung des Grundgesetzes zwei Jahrzehnte alt wurde: "Seit 20 Jahren stehen #Frauen in der #Bundeswehr alle Laufbahnen offen. (...) Uns Ersties und allen anderen #Kameradinnen alles Gute zum Jahrestag, und kämpft weiter!"

Mitarbeit: Mike Szymanski

© SZ vom 06.11.2020
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