Bundeswehr wird in Schulen aktiv Ballern im Schieß-Simulator

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Dann geht die Schlich-Show los, knapp 60 Schüler sind es, eine Gruppe, die schwer zu bändigen ist. Zur Einleitung soll es einen Info-Film über die Bundeswehr geben. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schaut aus dem Flachbildschirm heraus, die Hände in päpstlicher Pose gefaltet. Die Bundeswehr sei eine moderne Armee, berichtet der Film weiter, etwa mit ihren "schnellen Fahrzeugen". Just in diesem Moment hängt der Film, ein Kratzer in der DVD offenbar. Noch zweimal werden die Schüler von Guttenberg begrüßt, immer bei den schnellen Fahrzeugen findet der Film ein schnelles Ende. Schlich entschließt sich, gleich mit dem Vortrag zu starten - mit Akzent auf Terrorismus.

Jugendoffizier ist ein Job mit Routine, wird sogleich klar, mühseliger Routine. In die Falle mit dem Mandat tappen die Schüler erwartungsgemäß, nennen so ziemlich alles außer den Bundestag, bevor einer in der letzten Reihe die richtige Antwort weiß. Eine Lehrerin, Schlich merkt es nicht, hat vorgesagt. Dschihad, Osama bin Laden, afghanisch-pakistanische Grenze - die Stunde vergeht schnell, Nachfragen gibt es kaum. Kritische Klassen sind ihm lieber, sagt Schlich später auf der Rückfahrt zu seinem Dienstsitz in Sankt Augustin. Wenn politisch interessierte oder gar organisierte Schüler dabei sind, gebe es schon mal hitzige Debatten. "Das macht auch mir mehr Spaß, als eine Gruppe, die sich berieseln lässt."

Hitzig diskutieren will auch Renate Bayer, Mutter eines elfjährigen Sohnes an einem Münchner Gymnasium. Anfang des Jahres hat sie sich, obwohl nicht dort Mitglied, dem Arbeitskreis "Friedliche Schule" der Bildungsgewerkschaft GEW angeschlossen. Die Gruppe befürchtet, dass Schulen zunehmend "unter die ideologische Kontrolle der Bundeswehr" geraten, wie es in einem Flyer heißt. Es werde versucht, bewaffnete Konflikte den Kindern als Normalität zu verkaufen, sagt Bayer. Trotz oder gerade wegen des Abkommens in Bayern soll der Protest nun auf breitere Beine gestellt werden. Aufgeschreckt hat sie der Fall eines Jugendoffiziers, der Schülern erklärt haben soll, dass für deren Handys wegen des enthaltenen Lithiums die Sicherung freier Handelswege durch die Armee nötig sei - jene umstrittene These, die Bundespräsident Horst Köhler vor seinem Rücktritt in Bedrängnis brachte; oder ein Vorfall bei einem Kasernenausflug von Schülern in Schleswig-Holstein, wo Minderjährige vorschriftswidrig im Schieß-Simulator ballern durften.

In der Kritik der GEW-Gruppe stehen auch Annoncen der Bundeswehr in Schülerzeitungen. "Jahrelang führen wir Eltern einen Kampf, dass unsere Kinder keine Killerspiele, keine Gewaltvideos sehen und spielen. Ich finde, die Werbung der Bundeswehr in Schulen greift in unser Erziehungsrecht ein", sagt Bayer. Junge Burschen seien nun mal schnell für alles Technische wie bei der Bundeswehr zu begeistern, viele Eltern hätten Angst, dass ihr Kind irgendwann im Auslandseinsatz stehe.

"Wenn Jugendoffiziere und Wehrdienstberater in einen Topf geworfen werden, ärgere ich mich immer schwarz", sagt Schlich. Zwar könne er Schülerfragen nach den Berufsmöglichkeiten nicht völlig ablehnen, es gehe ihm aber um politische Bildung. Die Lehrer von heute hätten das Thema Afghanistan in ihrem Studium nicht gehabt - hier stehe man als Bundeswehr in der Pflicht. Apropos, Pflicht: Von einer Abschaffung der Wehrpflicht hält Schlich nichts. "Dann würde ja der Staatsbürger überhaupt nichts mehr für seinen Staat leisten, außer Steuern zahlen", sagt er. Man müsse sich ja nicht - wie er - gleich auf zwölf Jahre verpflichten. Doch diese Zeit endet bald, derzeit absolviert Schlich nebenbei ein Wirtschaft-Fernstudium, viele Offiziere machen derlei als Standbein für die Zeit danach. Und was kommt dann? Schlich würde gerne Pressesprecher im sozialen Bereich werden. "Man braucht schon immer eine Sache, hinter der man voll und ganz steht."