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Behinderte Schüler:"Das Problem steckt in den Köpfen der Lehrer"

Der Pädagoge Pius Thoma spricht über die Probleme behinderter Kinder im deutschen Schulsystem und erklärt, warum Lehrer umdenken müssen.

Christian Bleher

Pius Thoma war Sonderschullehrer und ist Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik in Augsburg. Gemeinsam mit Cornelia Rehle ist er Herausgeber des Buches "Inklusive Schule".

SZ: Das bayerische Kultusministerium rühmt sich, der UN-Konvention zur Inklusion zu entsprechen - zu Recht?

Pius Thoma: Bayern hat im Januar den Vorsitz der Kultusministerkonferenz übernommen und bemerkenswerterweise kurz davor seinen "Weg zur Integration durch Kooperation" umbenannt in "Weg zur Inklusion durch Kooperation".

SZ: Was ist der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?

Thoma: Integration ist eher eine Anpassungspädagogik beziehungsweise eine Wiedereingliederung, Inklusion meint - im Sinne der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen - die bedingungslose Teilhabe aller am Bildungssystem einer Gesellschaft.

SZ: Und ist der deutsche Weg, etwa in Bayern, wirklich inklusiv?

Thoma: Es wird das Alte neu benannt. Daran ändern auch "Inklusionsklassen" nichts, die eingeführt werden. So etwas ist sogar ein Widerspruch in sich: Eine Klasse mit diesem Namen separiert. Angeblich handelt es sich um weiterentwickelte Kooperationsklassen. Mit diesem Begriff werden Regelschulklassen bezeichnet, in die zumeist vier bis fünf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen werden.

SZ: Diese Klassen entsprechen nicht der Idee der Inklusion?

Thoma: Auf den ersten Blick schon. Das Ministerium betont, die Vorschrift der Lernzielgleichheit sei zugunsten einer Lernzieldifferenzierung abgeschafft: Ein behindertes Kind darf jetzt nach einem individuellen Lehrplan unterrichtet werden, vorausgesetzt, es könne am normalen Unterricht "aktiv teilnehmen". Wer aber kann ermessen, ob ein autistisches und körperbehindertes Mädchen, das durchaus lernfähig ist, aktiv teilnehmen kann? Außerdem: Noch immer können Eltern nicht frei entscheiden, welche Schulart sie für ihr Kind als die geeignetere erachten. Ich kenne Paare, die nach Österreich ausgewandert sind, weil dort der Elternwille respektiert wird.

SZ: Das Ministerium will die sogenannten Förderzentren erhalten. Die Kompetenz dieser Einrichtungen ist doch sicher nicht überflüssig, auch wenn sie nicht "inklusiv" sind?

Thoma: Das Problem steckt in Köpfen der Lehrer beider Seiten: Die Regelschullehrer haben gelernt, dass manche Kinder nur von Experten betreut werden können. Die Sonderpädagogen wiederum beanspruchen allein die diagnostische und pädagogisch-didaktische Kompetenz für sich - und genau dieses hohe berufliche Ethos steht ihnen im Weg.

SZ: Wie das?

Thoma: Förderlehrer werden bezogen auf Kategorien von Behinderungen ausgebildet. Dieses Kategorisieren aber ist nicht haltbar. Unter sogenannten Down-Kindern oder solchen mit Lernbehinderung gibt es genauso Heterogenität wie bei anderen.

SZ: Die Aufteilung der Förderschullandschaft nach Störungsbildern ist der falsche Weg?

Thoma: Der moderne Weg ist ein "ökosystemischer Ansatz", der diverse Zusammenhänge berücksichtigt und nicht ausschließlich das Kind unter seinen Handicaps betrachtet: Was zum Beispiel als Lernbehinderung erscheint, hat seine Ursache oft in der Familie oder in fehlender Unterstützung an der Schule.

SZ: Sie fordern ein grundlegendes Umdenken?

Thoma: Es geht um einen Paradigmenwechsel: Wir sollten uns von der Illusion der homogenen Lerngruppen verabschieden. Das Problem entsteht ja nur, weil man standardisierte Normen für Lerngruppen setzt und Kinder daran misst, anstatt von der Unterschiedlichkeit der Schüler auszugehen - aller Schüler.

© SZ vom 29.03.2010/holz

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