Abschlussbericht zur Plagiatsaffäre Guttenberg ist die Arbeit "über den Kopf gewachsen"

Dauerstress als Entschuldigung: Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Plagiate in seiner Doktorarbeit mit seiner Mehrfachbelastung und einer "gelegentlich chaotischen" Arbeitsweise erklärt. Die Universität Bayreuth nimmt ihm das nicht ab. Die Kommission, die seine Dissertation untersucht hat, ist sicher, dass Guttenberg bewusst getäuscht hat.

Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat seine unzureichende Doktorarbeit mit seiner beruflichen und familiären Mehrfachbelastung erklärt. Das geht aus dem Abschlussbericht der Universität Bayreuth zur Überprüfung der Dissertation hervor, den die Uni Bayreuth an diesem Mittwoch vorgelegt hat.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am Tag seines Rücktritts. Nach Ansicht der Universität Bayreuth hat Guttenberg bei seiner Doktorarbeit absichtlich getäuscht.

(Foto: dapd)

In dem mehr als 40-seitigen Bericht kommt die Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" zu dem Schluss, dass Guttenberg bei seiner Doktorarbeit die Standards guter wissenschaftlicher Praxis grob verletzt und die Prüfungskommission vorsätzlich getäuscht hat. Die Fälschungen durchzögen die Dissertation "als werkprägendes Arbeitsmuster".

An der Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert der Bericht indes nichts: Sie steht weiter zu ihrem früheren Verteidigungsminister. Zwar nehme sie die Stellungnahme der Universität sehr ernst. Genauso ernst nehme sie aber das, was Guttenberg ihr in "vertraulichen Gesprächen" dargelegt habe, sagte Regierungssprecher Christoph Steegmans.

"Gelgentlich chaotische Züge"

Mit Spannung war vor allem der Inhalt der dreiseitigen Erklärung erwartet worden, die Guttenberg Ende April zu den Vorwürfen abgegeben hatte. Wie jetzt zu erfahren war, hat der CSU-Politiker darin gegenüber der Hochschule eine "ungeordnete Arbeitsweise" mit "gelegentlich chaotischen Zügen" eingeräumt. All dies habe sich über Jahre in einer Situation abgespielt, in der die - durch die Übernahme neuer beruflicher Tätigkeiten und politischer Ämter entstandene - "vielfache Arbeitsbelastung" ihm "teilweise über den Kopf gewachsen" sei.

Hinzugekommen sei die Erwartungshaltung der Familie, die bestehenden Anforderungen erfolgreich zu bewältigen. Ihm sei deutlich gemacht worden, dass die Qualität der unterschiedlichen Engagements keinesfalls leiden dürfe und eine begonnene Arbeit auch zu Ende zu bringen sei.

Außerdem habe Guttenberg seinen Doktorvater Peter Häberle nicht enttäuschen wollen. Er habe sich nicht durchringen können, die Dissertation zurückzugeben und das Promotionsverfahren zu beenden. "Ich wollte mir eine Schwäche nicht eingestehen", sagte Guttenberg dem Bericht zufolge.

Die Kontrollkommission der Universität Bayreuth erkannte diese Argumentation nicht an: Im Wissen um eine sich über Jahre hinziehende "zeitliche Dauerüberforderung" habe sich Guttenberg entschieden, "über alle selbst erkannten Warnzeichen hinwegzusehen". Er habe damit sehenden Auges in Kauf genommen, dass er eine Arbeitsweise pflege, der "die fehlende wissenschaftliche Sorgfalt immanent ist".

Sorgfaltswidrigkeit als bewusster Arbeitsstil

"Wer jahrelang akzeptiert, dass er Sorgfaltsstandards nicht einhält, handelt nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich, weil er die Sorgfaltswidrigkeit zum bewussten Arbeitsstil erhebt", zitierte der Kommissionsvorsitzende Stephan Rixen bei der Pressekonferenz aus dem Bericht.

Hinweise auf einen Ghostwriter bei der Doktorarbeit gab es nach Angaben der Universität nicht. Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle habe ihm "vielleicht in einer Weise vertraut, die uns altmodisch erscheint", sagte Rixen. Er habe sich nicht vorstellen können, dass er getäuscht wurde. Häberle sei kein Vorwurf zu machen, dass er die zahlreichen Plagiate nicht erkannt hatte, da Guttenberg "in sehr kreativer Weise Einzelteile verbunden" habe. Einzig die Bewertung der Doktorarbeit mit der Bestnote "summa cum laude" könne die Kommission nicht nachvollziehen.

Die Universität Bayreuth will aus der Plagiatsaffäre Konsequenzen für die wissenschaftliche Arbeit ziehen. Es sollen einheitliche Qualitätsmaßstäbe für Promotionsverfahren erarbeitet werden, sagte Uni-Präsident Rüdiger Bormann.

Die politische Karriere ist vorbei

Karl-Theodor zu Guttenberg hatte bisher zwar gravierende Fehler in seiner Dissertation eingeräumt, eine bewusste Täuschung jedoch immer bestritten. Er hat gegenüber der Universität nur schriftlich Stellung genommen; seine Anwälte haben noch nicht auf den Abschlussbericht reagiert. Am 1. März war der CSU-Politiker nach tagelangen Diskussionen um seine Dissertation vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten. Zuvor wurde ihm sein Doktorgrad auf eigenen Wunsch hin aberkannt.

Von einer Rückkehr des überaus beliebten Politikers geht der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel nicht aus. "Das ist im Prinzip vorbei", sagte Goppel im Deutschlandfunk. "Ich glaube allen Ernstes, dass man in einer solchen Geschichte mit einem solchen Ergebnis mit solchen Vorgaben nicht davon reden kann, dass man morgen in der Politik wiederkommt."

Die Staatsanwaltschaft Hof, die unter anderem wegen des Verdachts der Urheberrechtsverletzung gegen Guttenberg ermittelt, will voraussichtlich im Sommer erste Ergebnisse präsentieren. Der Untersuchungsbericht der Universität Bayreuth werde in die Ermittlungen einfließen, kündigte Oberstaatsanwalt Reiner Laib an.

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