Vorsorge Gesundheit wird lange vor der Geburt geprägt

Fürsorge für den Nachwuchs, noch bevor dieser auf der Welt ist - das fordern Mediziner.

(Foto: mauritius images)

Die Zeit im Mutterleib, die Konstitution der Eltern und Großeltern bestimmen mit, wie sich ein Mensch entwickelt. Mediziner fordern, schon vor der Zeugung für den künftigen Nachwuchs zu sorgen.

Von Peter Spork

Viele Mediziner, Psychologen und Biologen denken derzeit um. Sie betrachten Gesundheit nicht länger als Zustand, sondern als Prozess, der jeden Menschen täglich begleitet. Mit dessen Hilfe passen wir uns stetig an die Anforderungen unserer spezifischen Umwelt und unseres Lebensstils an. Diese Betrachtung ist eine logische Konsequenz aus der modernen Genregulationsforschung. Diese zeigt, dass Umwelteinflüsse und Veränderungen der Ernährung und des Verhaltens beeinflussen, wie aktivierbar zahlreiche Gene in wichtigen Organen sind.

Die Körperzellen des Menschen haben eine Art Gedächtnis für Umwelteinflüsse und Lebensstil. Im Idealfall hilft dieses Gedächtnis, zeitlebens besonders widerstandsfähig zu sein und möglichst lange geistig rege und gesund zu bleiben. Andreas Plagemann, Leiter der Forschungsabteilung an der Klinik für Geburtsmedizin der Berliner Charité beschreibt das Leben konsequenterweise als "individuellen, permanent umweltabhängigen Entwicklungsprozess". Die Entwicklung eines Menschen endet demnach nicht mit der Adoleszenz. Plagemann nennt das die "Ontogenese bis ins Alter."

Klar erscheint also, dass die Gesundheit im Sinne eines lebensbegleitenden Anpassungsprozesses erst mit dem Tod endet. Doch wann startet sie? Wann beginnen Umwelteinflüsse auf uns einzuwirken und die Molekularbiologie zu prägen? Spontan mag man die Geburt zum Startpunkt erklären. Allerdings hat sich längst herumgesprochen, wie wichtig auch die Zeit im Mutterleib für die Ausprägung zahlreicher oft erst sehr viel später wirksamer Erkrankungsrisiken ist. Die Frage, wie wir wurden, was wir sind, beantwortet Plagemann so: "Maßgeblich durch die natürlichen und sozialen Umwelt- und Entwicklungsbedingungen, unter denen wir als Individuum schon im Mutterleib und in den ersten Lebenswochen heranwuchsen."

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Zukünftige Eltern sollten mehr als bisher unterstützt, entlastet und beraten werden

Was und wie viel eine werdende Mutter isst, ob und wie viel Alkohol sie trinkt, ob sie traumatisiert wird oder Zigaretten konsumiert: All das bestimmt mit darüber, wie krankheitsanfällig ihr Kind später im Leben sein wird. Der mittlerweile emeritierte Trierer Psychobiologe Dirk Hellhammer, der auf vier Jahrzehnte erfolgreiche Stressforschung zurückblickt, sagt, "frühkindliche Einflüsse sind mit Abstand der größte Risikofaktor für stressbezogene Gesundheitsstörungen". Traumatische Erlebnisse der Mutter während der Schwangerschaft oder des Kindes im ersten Lebensjahr fänden sich "bei etwa 50 bis 70 Prozent aller Patienten mit derartigen Leiden".

Startet unsere Gesundheit also bereits mit der Zeugung? Sogar diese Annahme erscheint neuerdings zu kurz gegriffen. Gleich drei Artikel im führenden Mediziner-Fachblatt The Lancet blickten kürzlich weit über diese Grenze hinaus. Ihnen zufolge beginnt die Gesundheit eines Menschen nicht erst, wenn Samen und Eizelle verschmelzen. Sie beginnt bereits Monate bis Jahre davor. Sie beginnt im Leben der vorangegangenen Generation. Die Artikel schildern eindrucksvolle neue Befunde über die so genannte präkonzeptionelle Gesundheit - also darüber, wie bereits die Lebensstile beider Eltern vor der Zeugung die spätere Krankheitsanfälligkeit der Kinder beeinflussen.

Das Fazit der Autoren ist eindeutig: Die Gesellschaft sollte in Zukunft deutlich mehr in die Gesundheit aller Heranwachsender und junger Erwachsener investieren. Mediziner und Gesundheitsberater sollten zudem vermehrt nach Frauen Ausschau halten, die eine Schwangerschaft planen. Zukünftige und potenzielle Eltern sollten viel mehr als bisher unterstützt, entlastet und beraten werden.

Zum Beispiel sollte man zukünftige Eltern zu ausgewogener, nicht zu kalorienreicher Ernährung mit frischen Zutaten und ausreichender Bewegung motivieren, über ungesunde Verhaltensweisen wie Rauchen oder starken Alkoholkonsum noch besser aufklären sowie gezielte Maßnahmen gegen Übergewicht oder Mangelernährung ergreifen. Bei zukünftigen Müttern sollte man zudem besser als heute auf ausreichende Blutspiegel wichtiger Mikronährstoffe wie Folsäure oder Eisen achten.

All diese Maßnahmen seien vergleichsweise kostengünstig. Vor allem aber sei es bestens angelegtes Geld. Von den Investitionen profitierten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die folgende Generation. Folsäure zum Beispiel sei ein schon heute allgemein akzeptiertes und entsprechend gut untersuchtes Mittel zur Steigerung der Gesundheit des Nachwuchses. Achte man in der Zeit von zwei bis drei Monaten vor und nach der Empfängnis auf einen ausreichenden Folsäurespiegel bei der Mutter, verringere sich das Risiko des Kindes, einen Neuralrohrdefekt zu bekommen - einen offenen Rücken zum Beispiel -, um 70 Prozent.