Geburtsmedizin Warum in Deutschland immer noch Babys sterben

Die Versorgung von Frühchen braucht viel Erfahrung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Laut einer neuen Statistik ist die Säuglingssterblichkeit in Deutschland höher als zum Beispiel in Japan oder Island. Geburtsmediziner Uwe Hasbargen über vermeidbare Todesursachen und die Verniedlichung der Geburt.

Interview von Berit Uhlmann

2,6 Millionen Kinder sterben jährlich in den ersten vier Lebenswochen, heißt es in einem Bericht von Unicef. In Deutschland überleben etwa zwei von 1000 Neugeborenen den ersten Monat nicht. Verglichen mit Entwicklungsländern ist das ein sehr guter Wert, doch es gibt einige Industrienationen, die in der Statistik noch deutlich vor der Bundesrepublik liegen. Wie ein Teil der Todesfälle vermieden werden könnte, erläutert Uwe Hasbargen, Leiter des Perinatalzentrums der LMU München. Das Zentrum umfasst Geburtshilfe, pränatale Diagnostik sowie Neu- und Frühgeborenenstationen.

SZ: Deutschland schneidet in der jüngsten Unicef-Statistik zur Säuglingssterblichkeit schlechter ab als beispielsweise Japan oder Island. Liegt das an der Medizin oder an der Statistik?

Uwe Hasbargen: Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Geburtshilfe in Japan organisiert ist oder welche Gepflogenheiten dort herrschen. Prinzipiell aber kann es in internationalen Vergleichen zu Verzerrungen kommen. In einigen Ländern werden extreme Frühchen, die vor der 25. Woche zur Welt kommen, von vornherein als nicht lebensfähig erachtet und die Geburt so geleitet, dass sie tot geboren werden. Sie werden in der Sterblichkeitsstatistik nicht berücksichtigt. In Deutschland bemühen sich die Ärzte, wenn Eltern das wollen, mit allen Mitteln um diese Kinder. Leider sterben einige von ihnen trotzdem - und tauchen in der Statistik auf.

Frühgeburt Kinder der Grauzone
Frühgeburten

Kinder der Grauzone

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Was sind die häufigsten Gründe für die Säuglingssterblichkeit in Deutschland?

Frühgeburten sind eine wichtige Ursache. Sie treten besonders häufig bei Mehrlingsschwangerschaften auf. Auch angeborene Fehlbildungen können zum Tod in den ersten Lebenstagen führen. Dazu gehören beispielsweise Herzfehler oder die spina bifida, auch offener Rücken genannt.

Ein Teil dieser Fälle wäre vermeidbar.

Ja, die spina bifida kann durch die Einnahme von Folsäure in den ersten Wochen der Schwangerschaft verhindert werden. Manche Länder reichern deshalb Mehl oder Salz mit Folsäure an, sodass alle Menschen ausreichende Mengen aufnehmen. Wer es nicht braucht, dem schadet es nicht. Frühgeburtlichkeit ist auch mit Armut und dem Konsum von Nikotin und Alkohol während der Schwangerschaft verbunden. Auch diese Fälle könnten zum Großteil vermieden werden. Außerdem steigt das Risiko für Frühgeburten mit dem Alter an - besonders nach Mehrlingsschwangerschaften, die bei künstlichen Befruchtungen häufiger sind. Ich kritisiere das nicht. Die Reproduktionsmedizin ist eine gute Sache. Aber sie hat Risiken.

Wie sieht es mit der medizinischen Betreuung von Schwangeren und Babys aus? Lässt sich in diesem Bereich noch was verbessern?

Ja, wir haben große strukturelle Probleme in Deutschland. Wir haben viel zu viele kleine Kliniken, die nicht genug Erfahrungen für komplizierte Verläufe haben. Allein in Bayern gibt es 30 Perinatalzentren, auch, weil die Versorgung von sehr kleinen Frühchen finanziell lukrativ ist. Ganz Australien hat nur fünf, Portugal nur zwei solcher Zentren. Wenn man sich die Unicef-Statistik anschaut, stehen diese Länder nicht schlechter da als Deutschland. Ein weiteres Beispiel: Die besten Ergebnisse für die Behandlung von Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm werden aus Schweden berichtet, wo sich nur sieben Zentren mit der Betreuung dieser kleinsten und unreifsten Kinder befassen.

Kritiker der Großzentren werfen ein, dass die Qualität besser ist, wenn die Klinik möglichst nahe am Wohnort liegt. Es kann doch auch wichtig sein, keine langen Wege zu haben?

In der Geburtshilfe bei Frühgeborenen kommt es selten auf Minuten an, sondern auf Erfahrung und Routine. Und es gibt Kritik und Mahnungen von zwei Seiten. Die einen kritisieren, die Geburt werde als "natürlich" verniedlicht. Die anderen sagen, die Geburt werde pathologisiert. Beide haben Recht. Eine Geburt ist nicht niedlich, aber eben auch keine Krankheit, die in jedem Fall Eingriffe verlangt. Wir brauchen daher Teams aus Ärzten und Hebammen, die das ganze Spektrum der Geburtshilfe beherrschen. Diese Erfahrung aber kann weder aufgebaut noch gehalten werden, wenn kleine Abteilungen mit wenig Personal nachts und am Wochenende den gynäkologischen Operateur auf den Kreißsaal "aufpassen" lassen müssen. Ich vermute, keiner der Landräte, die so vehement den Erhalt ihrer kleinen Geburtsstationen fordern, würde sich seine Prostata am Wochenende von einem Urologen operieren lassen, der in seiner täglichen Arbeit ganz andere Schwerpunkte hat. Den Kindern und ihren Familien wird aber genau dies stetig zugemutet.

Was also sollte sich konkret ändern?

Netzwerke zwischen kleineren und größeren Kliniken sind eine Möglichkeit, Erfahrung zu bündeln. In Ballungsräumen wie München funktionieren sie bereits. Erfahrung brauchen aber nicht nur Ärzte, sondern auch Hebammen und anderes Personal, bis hin zu den Reinigungskräften. Wir müssen deshalb auch an die Zufriedenheit der Mitarbeiter denken. Der Hebammenmangel ist auch Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden Arbeitsbedingungen. Die Krankenkassen sollten die Qualität der Versorgung stärker würdigen und ihre Erstattung nicht nur über die Menge der Verbrauchsmaterialien und OP-Minuten kalkulieren. Nur wenn wir die alten Pfade verlassen, werden wir zur Versorgungsqualität von Portugal, Schweden oder Norwegen aufschließen können.

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